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Was man statt Game of Thrones lesen kann (Teil I)

George R. R. Martin war dieses Jahr in Hamburg. Die meisten der Game-of-Thrones-Fans kennen den Autor vor allem durch die TV-Adaption Game of Thrones seiner Serie A Song of Ice and Fire. Die Bücher sind durch die populäre Serie ebenfalls sehr beliebt, mit Spannung erwarten die Fans den nächsten Band der Saga. Doch das wird noch mindestens bis 2016 dauern und die Geduld der Leser auf eine harte Probe stellen. Doch in der Zwischenzeit muss man auf komplexe Fantasyliteratur von epischen Ausmaßen keineswegs verzichten. Für Fantasy-Liebhaber gibt es hier eine Liste von beeindruckenden Fantasy-Serien, die mindestens ebenso gut sind und eine Verfilmung allemal verdient hätten. Und das Beste: Sie sind alle bereits abgeschlossen, wer die Bände jetzt anfängt, muss sich keine Gedanken um jahrelange Wartezeiten machen! Also auf in die Seitenschlacht mit diesen tollen Wälzern:

1. Shadowmarch von Tad Williams

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Bild: Alfred Borchard

Selten sind weibliche Charaktere so stark, facettenreich und authentisch beschrieben worden. Das ist ungewöhnlich für ein Fantasy-Epos, das in einer ans Mittelalter angelehnten Welt spielt, in der Frauen weitaus schärferen Beschränkungen unterworfen sind als Männer. Doch die Hauptfigur Briony legt eine Entschlossenheit an den Tag, die ihre Feinde (und manchmal ihre Freunde) erbleichen lässt. Sie ist dennoch weit entfernt von einer idealisierten Überfrau, sie ist ein Mädchen, das sich seinen Weg hart erkämpfen muss und eine ungeahnte Entwicklung durchmacht. Dieser Facettenreichtum beschränkt sich natürlich nicht nur auf die weiblichen Figuren – keiner der Charaktere kommt platt oder stereotyp daher. Sie alle sind mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet und entwickeln zwischen den Zeilen ein Eigenleben. Man hat selten den Eindruck, dass einem Autor seine Figuren so am Herzen liegen wie in diesen vier Bänden. Die Reihe hat außerdem einige der faszinierendsten Bösewichte des Genres zu bieten, wie etwa den größenwahnsinnigen Gottkönig Sulepis. Aber auch die Banalität des Bösen wird offenbar; sie liegt in der Gleichgültigkeit und der Feigheit, die manche der Figuren nicht überwinden können.

Vier Bände, die eine dichte Handlung haben, den Charakteren viel  Platz zur Entwicklung lassen und komplex und dynamisch sind wie kaum eine andere Serie.

Der Autor bereichert seine Erzählung durch komplexe historische Hintergründe für die verschiedenen Völker und Schauplätze des Buches. Eion ist ein geteilter Kontinent: In einem blutigen Krieg zwischen Elben und Menschen wurde das Land brutal geteilt, die Elbenvölker zogen sich unter einen breiten Nebelschleier zurück und gerieten in Vergessenheit. Hinter der Schattengrenze braut sich erneut Unheil zusammen. Die Menschen führen derweil ihre eigenen Kriege: Der Autarch Sulepis hat die größte Armee aufgebaut, die der Kontinent je gesehen hat. Seine Aufmerksamkeit richtet sich ausgerechnet auf das kleine Königreich Südmark, dem Zuhause der Zwillinge Briony und Barrick Eddon.

Am Ende laufen alle Fäden zusammen

Auch wenn sich der zweite Band etwas in die Länge zieht, wird die Geschichte insgesamt rasant und spannend erzählt und man kann sie ab Band drei kaum noch aus der Hand legen. Was ungewöhnlich und bemerkenswert ist: Selten war ein Fantasy-Epos so komplex und weitverzweigt – dennoch schafft es Tad Williams scheinbar spielend, alle Figuren im Blick zu behalten und zwischen den Erzählerperspektiven gekonnt zu wechseln, ohne dass Charaktere zu kurz kommen. Es gibt erstaunlicherweise kaum eine überflüssige Szene, alle Fäden laufen am Ende zusammen. Der letzte Teil eines solchen Epos ist normalerweise für die finale, alles entscheidende Schlacht reserviert. So auch bei Shadowmarch, aber dass man den ganzen letzten Band unter Herzklopfen liest, ist dem Umstand zu verdanken, dass Williams sich nicht auf zusammenprallende Horden auf dem Schlachtfeld beschränkt. Durch gezielte Steigerung gelingt es dem Autor, die Spannung fast bis ins Unerträgliche zu wachsen zu lassen. Es gibt eine Unzahl verschiedener Brandherde, an denen Spannung entsteht, bis sich die Geschichte verdichtet und der Bezug zum großen Kampf deutlich wird, der ungeahnte Dimensionen annimmt. Doch die Einzelschicksale sind es, die den Leser am meisten fesseln, denn auch der größte und monumentalste Kampf bedeutet am Ende die Überwindung seiner selbst. Die Geschichte Eions erzählt von Opfern, Schmerz und Schuld. Sie stellt die Frage, ob man sich der Verantwortung, die aus einer solchen Schuld erwächst, entziehen kann. Für Briony und Barrick, die Erben von Südmark ist sie eine schwere Last, die sie formt und ver-formt. Sie müssen innerlich wachsen, um nicht an ihr zu zerbrechen.

2. Der dunkle Turm von Stephen King (The Dark Tower)

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Revolvermann Fanart: MoritoAkira moritoakira.deviantart.com

1982 veröffentlichte Stephen King Schwarz (The Gunslinger), den Auftakt zur Dunkler-Turm-Saga und mit dem siebten Band war sie 2004 endlich abgeschlossen, 22 Jahre nach dem Erscheinen des ersten. Bei Stephen Kings Schreibtempo scheint es zunächst verwunderlich, dass er Jahrzehnte mit der Geschichte von Roland und seinen Gefährten kämpfte. Anhand der Serie lässt sich der schriftstellerische Fortschritt von Stephen King beobachten und die Sorgfalt, mit der er die Erzählung verfasst hat, lässt viele seiner anderen Werke verblassen. Es steckt viel Persönliches in diesen Büchern. Wie sehr sie sein Leben beeinflusste, zeigt sich in Band fünf. Dort verarbeitet er seinen schweren Autounfall, in der Geschichte lässt er zwei seiner Protagonisten sein Leben retten, damit er die Erzählung vollenden kann.

Der erste Band beginnt mit einem der besten ersten Sätze, die es gibt: “Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“ („The man in black fled through the desert and the gunslinger followed.“) Damit ist alles gesagt, der Ton für die Geschichte angegeben; dadurch entsteht nicht nur eine Szene, sondern gleich eine ganze Szenerie vor dem Auge des Lesers.

Ein dreckiger, postapokalyptischer Fantasy-Western

Das Genre der Serie ist mit “Fantasy” nur unzureichend beschrieben. Viele Western-Einflüsse spielen mit, aber auch den Herrn der Ringe nennt King als Vorbild. Doch anders als letzerer gehört der Dunkle Turm zur Low-Fantasy und spielt hauptsächlich in einer heruntergekommenen, postapokalyptischen Welt, in der die verfallenden Überreste hochentwickelter Technologie von Magie nicht mehr zu unterscheiden sind.

Roland, der Revolvermann, wird von Träumen gequält, in denen dunkel und dräuend der Turm aufragt. Der Turm ist das Ziel seiner lebenslangen Reise und zugleich Symbol für die ewige Sinnsuche des Menschen. Drei Gefährten begleiten ihn auf seiner Reise: Eddie, ein ehemaliger Junkie, Susannah, die im Rollstuhl sitzt und der Junge Jake. Das unwahrscheinliche Trio bildet eine starke Gemeinschaft: ein Ka-Tet, das sich durch Freundschaft, unbedingte Solidarität und Geschick auszeichnet, denn die Gefahren des Weges sind vielfältig. Doch genauso bedrohlich ist das, was am Ziel ihrer Reise liegt.

Eine Geschichte von Liebe und Zerfall und der Unausweichlichkeit des Schicksals

Der Dunkle Turm erzählt die Geschichte eines Mannes, der auf seinem Weg gezwungen ist, große Opfer zu bringen, der die Wichtigkeit seines Ziels abwägen muss gegen die Schuld, die er mit dessen Verfolgung auf sich lädt. Eine Geschichte von Liebe und Zerfall und der Unausweichlichkeit des Schicksals. In immer enger werdenden Kreisen bewegt sich das Ka-Tet auf das Zentrum zu, den Turm, der die Nabe eines riesigen Weltenrades ist. Ein Ort und doch keiner – ein Versprechen, ein Begehren und doch nie ganz greifbar, nie beherrschbar.

Vor einigen Jahren erschien sogar ein zusätzlicher Band der Serie, Wind. Dass King nach der Vollendung des siebten Bandes eine weitere Geschichte in dem Dark-Tower-Universum angesiedelt hat, zeigt seine Verbundenheit zu dieser Welt und den Charakteren. Dennoch ist es keine Fortsetzung, sondern zwischen Band drei und vier angelegt. Die Hauptgeschichte ist somit vollständig erzählt.

3. Otherland von Tad Williams

Die vierbändige Cyberpunk-Serie führt die Hauptfiguren auf eine Reise nach Otherland, einem verborgenen virtuellen Netzwerk, das von der Realität nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Erzählung spielt nur ein paar Jahrzehnte in der Zukunft, doch die Schere zwischen Arm und Reich klafft mehr denn je auseinander, große Konzerne haben längst die politische Entscheidungsgewalt an sich gerissen und das öffentliche Bildungssystem ist marode. Das Internet hat sich zum virtuellen Abenteuerspielplatz entwickelt, doch noch ist keine der Simulationen so unheimlich realitätsnah wie das geheime Otherland-Netzwerk. Es scheint im Zentrum mysteriöser Machenschaften zu stehen, die mit der plötzlichen Erkrankung vieler Kinder zu tun haben. So liegt auch der Bruder von Reni, einer jungen Dozentin, unerklärlicherweise im Koma. Sie und eine bunte Gruppe anderer Betroffener reist durch das Netzwerk auf der Suche nach Antworten.

Dieses virtuelle Universum besteht aus einer Vielzahl verschiedener simulierter Welten. Manche lassen sich innerhalb von Stunden durchwandern, die Simulation des alten Venedigs etwa. Doch andere dehnen sich riesig aus, beherbergen ganze Wüsten und Städte. Die Bewohner dieser Welten führen ganz normale Existenzen, ohne sich bewusst zu sein, dass sie alle programmierte Teile einer künstlichen Umgebung sind.

Otherland eröffnet unglaubliche Welten und beweist, dass virtuelle Realität kein abgenutztes SF-Konzept ist

Einige der Welten werden vielen Lesern bekannt vorkommen: Die Szenerien von Alice hinter den Spiegeln, Krieg der Welten und der Odyssee werden von den Hauptfiguren ebenso durchkreuzt wie die Lande von Oz, es gibt eine gewaltige Bibliothek, fliegende Menschen und Insekten, groß wie Häuser. Aber es gibt auch eine Simulation des ersten Weltkrieges, in der der Autor die Entfremdung vom eigenen Ich, die der Krieg mit sich bringt, aufs Eindrücklichste beschreibt.

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Bild: Aurelio Scetta

Das Otherland-Netzwerk macht es möglich, so viele verschiedene und faszinierende Schauplätze einzubinden wie in keiner anderen Erzählung plausibel wäre. Technik simuliert hier Magie. (Daher wird Otherland auch oft als Fantasy-Epos bezeichnet, obwohl es streng genommen Science Fiction ist, da die Handlung in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts spielt.) Der Übergang zwischen den Simulationen ist oft abrupt und so entsteht für die Wanderer der Eindruck einer bruchstückhaften, fragmentarischen Umgebung. Die Verwirrung und Verlorenheit in diesem Netzwerk ist am stärksten für Paul Jonas, der an Amnesie leidet und dem nicht bewusst ist, dass er sich durch virtuelle Welten bewegt. Er wird zum Spielball des Zufalls, ehe er die Kraft findet, einen eigenen Weg einzuschlagen und sich auf die Suche nach der eigenen Identität zu begeben.

An einem Ort, wo man es am wenigsten erwartet, entfalten alte Mythen und Legenden ihre Kraft

Aber auch die virtuellen Welten bergen große Gefahren, nicht nur wegen ihrer oftmals feindlich gesinnten Bewohner. Jeder Übergang zu einem anderen Schauplatz ist auch ein Bruch mit der eigenen Vorstellung von Realität, das Gegenteil von Immersion. Äußere Bezugspunkte bieten die Gefährten nur einander. !Xabbu, der Buschmann, erzählt den anderen abends am Feuer Geschichten aus seiner Jugend im Okavango-Delta. Diese Mythen und Legenden entwickeln sich zu mehr: Sie werden zum erzählerischen Rahmen, der die Einzelschicksale der Akteure zu verbinden versucht.

Tad Williams betont besonders diese Bedeutung von Mythen und Geschichten für die Hauptfiguren der Erzählung. Legenden und Mythen ziehen sich durch die gesamte virtuelle Welt, nehmen konkrete Gestalt in Form kompletter Szenerien ein oder treten in Form von Erzählungen am Lagerfeuer auf. Diese Geschichten bergen den eigentlichen Kern der Bücher: Märchen und Mythen sind Teil des kulturellen Erbes, auf das wir uns alle beziehen. Das ist nicht unbedingt im Jung’schen Sinne zu verstehen, als genetisch verankertes Menschheitsgedächtnis. Vielmehr bewahrt Kultur alte Überlieferungen und durch Sozialisierung sind diese uns, oftmals in Form von Symbolen, zugänglich. Ohne diese Geschichten fehlt uns ein Rahmen für unsere eigenen Geschichten, mit denen wir uns selbst immer wieder aufs Neue definieren.

Und selbst wenn man diese tiefere Bedeutungsebene außer Acht lässt, ist Otherland allein schon deshalb spektakulär, weil es unglaubliche Welten eröffnet und beweist, dass virtuelle Realität kein abgenutztes SF-Konzept ist und sehr spannende, dynamische Charaktere bietet.

One comment
  1. Windsprite

    Wäre ja hilfreich, wenn ich Otherland und Shadowmarch nicht schon komplett gelesen hätte ;-)
    Aber ich habe ja grade mal den ersten Band von GoT gelesen, also macht das absolut nichts, ich habe massig Stoff zum nachlesen :D

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