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Schluss mit dem Pathos!

Die meisten Buchtrailer triefen vor Pathos – aber sind sie der Mühe überhaupt wert?

Zellstoff und Druckerschwärze sind schwarz und weiß, unbewegt und stumm. Buchseiten entfalten ihre bunte Pracht erst in den Köpfen der Leser, doch die Verlage geben sich alle Mühe, dies zu ändern. Zunächst tun sie dies mit Hilfe des Einbands, der auf einen Blick von der Qualität des Buches überzeugen soll und einen Vorgeschmack auf den Inhalt bietet. u1_978-3-10-402948-1Diese Idee ist übrigens nicht neu, bereits im Mittelalter gab es ausladend verzierte Prunkeinbände, die allein durch ihre Ausschmückung den Wert des Buches steigerten. Die plakativen Cover auf heutigen Büchern drängeln im Buchladen um Aufmerksamkeit und man kann getrost Stunden damit verbringen, die verschiedenen Einbände zu bewundern. Ein schönes Beispiel für einen aufwendigen modernen Umschlag ist Kai Meyers Die Seiten der Welt mit goldgeprägtem Einband und verschlungenen Arabesken, die an Jugendstileinbände erinnern.

Buchtrailer allerdings beschränken sich nicht auf ein Bild, um einen Eindruck des Buches zu vermitteln. Die meisten Verlage setzen auf die kurzen Filme, in der Hoffnung, ihre Bücher würden damit in Social Media besser beworben. Sie sollen die Stimmung des Buches einfangen und Neugierde wecken. Soweit das hehre Ziel. Aber die Zeitschrift Communication Today veröffentlichte in diesem Jahr eine Studie, wonach Buchtrailer keine stärkere Wirkung auf die Rezipienten haben als Klappentexte. Das einzige, was sie besser schaffen, ist die Zuordnung des Buches zu einem bestimmten Genre zu erleichtern.

An den Zuschauerzahlen zeigt sich das Desinteresse der Leserschaft

Das Desinteresse der potentiellen Leserschaft zeigt sich auch an den Zuschauerzahlen auf Youtube. Während der Buchtrailer zu „Die Seiten der Welt“ zumindest auf gut 2300 Views kommt, dümpeln etwa die Trailer des Arena Verlages bei 300 – 500, selten einmal über 1000 Views. Dabei sind diese Trailer wirklich gut gemacht. Sie sind technisch aufwendig und ziehen alle Register beim Spannungsaufbau. Aber dass sie informativer als ein Klappentext oder gar ein Blick ins eigentliche Buch sind, bezweifle ich stark.

Nun hat der Arena Verlag viele Buchblogger angeschrieben, um für ein neues Buchtrailer-Blogger-Netzwerk zu werben. Das klingt zunächst recht interessant – es gibt Hunderte Buchtrailer und kaum einen Überblick. Aber nach einer gefühlten Stunde, in der ich mir zur Recherche Trailer angesehen habe, bleibt bei mir vor allem eins hängen: Inhaltsleere. Die kurzen Clips haben vor allem eins: Pathos, Pathos, Pathos. Bis zum Abwinken. Düstere Musik, düstere Bilder, unheilschwangere Stimmen, die Verderbensbotschaften dahinhauchen. Nach einer Weile klingt das alles gleich und etwas ausgelutscht. Nun könnte man das sicher auf die allgemeine Inhaltsleere auf dem Buchmarkt schieben, auf das Fehlen von wirklicher Vielfalt. Aber dass es eben auch anders geht, beweist dieser englische Buchtrailer für den Noir Fantasy Band „The Dirty Streets of Heaven“, zu deutsch „Die dunklen Gassen des Himmels“. (Zur Kurzrezension) Warum, werdet ihr gleich sehen:

Es geht auch anders

Dieser Trailer ist erfrischend anders. Zwei Männer sitzen in einer Bar, hinter ihnen der grimmige Barkeeper (der übrigens vom Autor selbst gespielt wird). Sie sprechen über ihre Arbeit, was ganz alltäglich sein würde, wären sie beide nicht zufällig Engel. Engel in einer Bar? Die trinken und das Schicksal menschlicher Seelen mit Smarties in Tabascosoße vergleichen?

Es ist eine Szene, die zwar so nicht im eigentlichen Buch vorkommt, aber einen guten Eindruck vom zynisch-coolen Stil der Story vermittelt. Man hat zunächst keine Anhaltspunkte, dass es sich überhaupt um eine Werbeaktion für ein Buch handelt, sondern sieht sich einfach einen unterhaltsamen Filmschnipsel an. Das ist schonmal eine gute Voraussetzung für das Teilen in Social Media, denn wer teilt schon gern offensichtliche Werbeposter in Social Media, wenn sie weder Katzen, Brüste noch haarsträubende Actionszenen beinhalten?

Zurück zur Aktion des Arena Verlags. Mit einem Blogger-Gewinnspiel zum besten Arena-Trailer versuchen sie, ihre Klickzahlen zu pushen. Also, warum nicht? Als Blogger muss man sich schließlich nicht vor den Verlagskarren spannen lassen, sondern kann seine ehrliche Meinung kundtun. Hätte ich diese Bücher in einem Laden in die Hand genommen, den Einband auf mich wirken lassen und den Klappentext und die ersten Seiten gelesen – vielleicht hätte ich dann einen Eindruck von den Büchern bekommen. So kann ich nur sagen, dass die Trailer fast alle mit denselben Mitteln versuchen, Spannung aufzubauen: Beklemmende Grundstimmung, schnelle Schnitte, düstere, nichtssagende Bilder (Leere Straßen, Ruinen, alte Statuen wirken nicht dem Buchinhalt verbunden, sondern austauschbar und effekthaschend), kurze Textschnipsel, die irgendwie alle das selbe aussagen, „Du wirst sterben“, „Es gibt kein Entkommen“, „Kämpf um dein Leben“ …gähn. Technisch sind sie hervorragend gemacht, aber nur einer der Trailer hat mich wirklich beeindruckt. Die Musik und der minimalistische Stil haben mich überzeugt, außerdem schafft der Film es tatsächlich, eine gewisse Identifikation mit der Hauptfigur entstehen zu lassen, was bei den anderen Trailern für mich nicht gegeben war.

Minimalismus überzeugt

Was sagt ihr dazu? Schaut ihr Trailer überhaupt an und wenn ja, habt ihr Lieblinge?

3 comments
  1. Nudelsuppe3000

    Ich muss sagen, dass ich erst durch Deinen Text gelernt habe, dass Buchverlage Videotrailer schalten. Ich kenne das aus meinem Kulturbereich jetzt schon seit einiger Zei und muss sagen, dass mich Trailer grundlegend eher stören, weil meist genau das Beschriebene eintritt: Sie sind vollkommen austauschbar und erzählen letztlich nichts. Auch im Buchbereich dürften Trailer wie der zu Dirty Streets ja wohl eher die Ausnahme sein.
    Bücher kaufe ich normalerweise eh entweder auf Empfehlung von Vertrauten oder aufgrund des Einbands und Klappentexts. Meiner Meinung mal wieder ein Beispiel für sinnlos verschleuderte Marketingbudgets.

  2. Pebby Art

    Hey, ja, die Barszene ist klasse! Endlich mal ein Trailer, der auf witzige Weise unterhält und nicht direkt das Buch anpreist. Sehr schön. Der Trailer zu „So rot wie Blut“ gefällt mir auch, ist natürlich nicht so erfrischend anders wie der zu „The dirty streets of heaven“, aber die Stimmung kommt schon gut rüber.
    Liebe Grüße
    Pebby Art

  3. Elli Minz

    Aus genau den oben genannten Gründen habe ich bei meines Debütroman auf einen Trailer verzichtet. Um „oben“ mitzuhalten, hätte ich tief in die Tasche greifen müssen. Wofür der Aufwand?

    Mir geht die Effekthascherei auch auf die Nerven. Einer der Gründe, warum ich kaum noch Krimis lese…

    Vielleicht wage ich mich in Zukunft auch mal an etwas Minimalistisches. Durch deine offene Kritik an dem, was es schon gibt, hab ich einiges gelernt.

    Liebe Grüße,
    Elli

    PS: Wir sind ja jetzt auch auf Twitter bekannt :)

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