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Fünf Noir-Reihen für den Herbst

Noir – dabei denkt man an hartgesottene Detektive mit kratzigen Dreitagebärten, Whiskeyatem und fleckigen Unterhemden – oder etwa nicht? Der klassische Roman Noir ist immer noch erfolgreich, doch das Genre hält auch Überraschungen bereit. In der folgenden kleinen Sammlung findet ihr Geschichten in der Tradition des klassischen Roman Noir, aber auch andere Werke, die zwar nicht im klassische Sinne “noir” sind, aber so gekonnt eine düstere und spannungsgeladene Atmosphäre schaffen, dass sie hier nicht fehlen dürfen.

Denn so klischeereich das Genre auch ist, seine Ästhetik, die aus dem Kontrast zwischen derb und edel schöpft, lädt zu interessanten Crossovern und Experimenten ein. Die erste Reihe, die ich euch vorstellen möchte, kombiniert moderne Urban Fantasy mit klassischen Noir-Elementen und verfeinert das Ganze mit einer Dosis Schwefeldampf. Denn der Held Bobby Dollar kämpft gegen Dämonen und Höllenfürsten.

Die Bobby-Dollar Reihe

“Engel, rief ich mir in Erinnerung. Wir sind Engel. Und Engel sind geduldig.”
Bild: klett-cotta.de
Bild: klett-cotta.de

Tad Williams schafft in dieser Serie ein typisches Noir-Erlebnis vor einem ungewöhnlichen Hintergrund: In der fiktiven Metropole San Judas kämpft Bobby Dollar Tag für Tag dafür, Seelen vor dem Höllenfeuer zu bewahren. Denn Dollar heißt eigentlich Dolories und ist einer der Engel des Herrn. Damit ist er einer der Guten; zumindest glaubt er das, bis er eines Tages zwischen die Fronten von Himmel und Hölle gerät, als er einer Verschwörung nachspürt. Seine Nachforschungen rufen neben seinen Vorgesetzten auch feurige Ungeheuer der Tiefe auf den Plan und Bobby gerät in ernste Gefahr.

Eine höllisch gute Geschichte! Man merkt, wie sehr der Autor es genießt, seinem coolen helden zynische Sprüche in den Mund zu legen. Die Bände überbieten sich geradezu an ausgefallenen Schauplätzen: In den Höllenvisionen des zweiten Bandes wird Dollar zu einem modernen Dante vor einer punkigen Piranesi-Kulisse – unbedingt lesenswert!

Die Trilogie ist in sich abgeschlossen, Dollars Geschichte soll aber mit zwei weiteren Bänden fortgesetzt werden!

Die Lovejoy-Bücher

“Antiquitäten, Frauen und mein persönliches Überleben – das sind die einzigen Interessen, die ich pflege. Klingt simpel, aber versuchen Sie doch mal, die richtige Reihenfolge zu finden.”
Bild: thecrimevault.com

Jonathan Gash ist das Pseudonym des britischen Schriftstellers John Grant. Seine Serie um den Antiquitätenhändler Lovejoy umfasst im englischen Original knapp 30 Bände, auf deutsch sind leider nur drei erschienen: “Lovejoys Gral”, “Lovejoys Duell” und “Lovejoys Gold”. Lovejoy macht als charmanter Frauenheld seinem Namen alle Ehre, ist jedoch notorisch pleite und um die ein oder andere Fälschung nicht verlegen. In verrauchten Kneipen und zwielichtigen Hinterzimmern feilscht er um Aufträge und sein untrüglicher Riecher für wertvolle Antiquitäten bringt ihn nicht selten in Gefahr. Seine Nonchalance kommt ihm jedoch nur selten abhanden.

Ein bisschen erinnern die Geschichten an Erzähltalent Dick Francis, sind jedoch düsterer und zynischer im Ton. Die Hintergründe sind sehr gut recherchiert und sparen nicht mit Details über Antiquitäten.

Die Sin-City-Comics

“Hell’s waking up every goddamn day and not even knowing why you’re here.”
Bild: darkhorse.com

Diese Klassiker dürfen hier nicht fehlen: die legendären Comics von Frank Miller treiben sämtliche Noir-Klischees auf die Spitze. Die Geschichte spielt im korrupten Sündenpfuhl Basin “Sin” City, wo in dem Schmutz der Straßen und Stripschuppen kaum Atemholen möglich ist. Scherenschnittartig wie der Stil sind auch Plots und Figuren: Die Männer sind versehrte Kämpfer, die ums nackte Überleben kämpfen; die Frauen dagegen sind heilige Huren und machen die brachiale Gewalt der Kerle mit Berechnung und nackter Haut wett. Doch auch in den dunkelsten Ecken brechen sich die Triebe von Solidarität und Ehrlichkeit ihre Bahn. Die schwarz-weiße Moralität der Comics spiegelt sich in einer ganz eigenen Ästhetik wider, die stark mit Kontrast und Reduktion spielt.

Die Blacksad-Graphic Novels

“I had wrapped myself in a vicious atmosphere made of hate, vengeance, and corruption. From that day on, this would be my world. A jungle where it’s survival of the fittest, where people act like animals. I had chosen to walk the darkest path in life… And I’m still on it.”
Bild: carlsen.de

Die wundervoll gestalteten Blacksad-Comics von Juan Díaz Canales und Juanjo Guarnido  versetzen den Leser in die fünfziger Jahre zurück – mit Charakterzeichnungen der besonderen Art: Die Akteure sind personifizierte Tiere, der Inspektor John Blacksad ist ein eleganter Panther im Trenchcoat.

Schon die liebevoll gestalteten Hintergründe sind sehenswert, denn Geräte, Kostüme und Autos sind historisch korrekt abgebildet.

Die Geschichten sind erfinderisch und greifen Themen der Zeit wie McCartyismus auf. Blacksad kämpft für Gerechtigkeit und schlägt sich auf die Seite der Schwächeren, auch wenn das nicht selten heißt, Prügel einzustecken.

Die John-Craine Reihe

„Ich bin so verdammt am Ende, wie ein Mensch nur sein kann.“
Bild: dtv.de

John Craine ist ein Antiheld, ein Mann, der dort anfängt, wo andere aufhören. Alkoholkrank, einsam und depressiv ist er kaum in der Verfassung, Versicherungsfälle aufzuklären, ganz zu schweigen von Verbrechen. Als er einen scheinbar hoffnungslosen Fall annimmt, muss er alle Kraft aufbringen, um sich korrupten Polizisten und brutalen Schlägern zur Wehr zu setzen. Doch der Drang, die Wahrheit herauszufinden, treibt ihn weit über seine eigenen Grenzen.

Kevin Brooks, der mehrfach ausgezeichnete Autor von Martyn Pig, schreibt nicht nur sehr gute Jugendbücher. Seine dreiteilige Reihe um den Privatdetektiv John Craine zeigt einmal mehr Brooks’ Talent, aus scheinbar harmlosen Situationen eine ungeahnte Spannung aufzubauen und sie immer weiter zu steigern – bis zum wolkenbruchartigen Finale. Menschliche Abgründe sind Brooks Spezialgebiet und er zeichnet seine Charaktere so echt und tragisch wie kaum ein Autor.

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