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Märchen – Ursprünge des Horrors

Peter von Matt zitiert in seinem Buch Die Intrige einen Ausspruch Lessings, in dem Horror sehr treffend als “die Erschütterung angesichts der extremen Möglichkeit menschlichen Fühlens und Handelns” beschrieben wird.  Doch der Horror eröffnet uns nicht nur einen Blick in die Abgründe der menschlichen Seele, sondern auch über unsere eigene Wahrnehmung hinaus.

Der Ursprung des Horrorgenres greift die Vorstellung auf, dass es weitere Sinnebenen gibt, die für uns zwar nicht greifbar, wohl aber begreifbar sind. Viele der gängigen Horrorelemente kommen aus Märchen: Widergänger, Geister, unerledigte Aufgaben – die Parallelen sind eindeutig.

Märchen waren ursprünglich nicht für Kinder gedacht.

horror
Bild: pixabay.com

Märchen, diese tiefgründigen vorchristlichen Erzählungen, waren ursprünglich nicht für Kinder gedacht, sondern wurden unter Erwachsenen erzählt. Das Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ zum Beispiel birgt viele Gedanken, die früher oder später in den meisten Horror- und Gruselgeschichten vorkommen und liest sich daher fast wie eine:

Ein furchtloser junger Mann zieht aus, um das Gruseln zu lernen. Seine Reise führt ihn schließlich in ein unheimliches Gemäuer. Dort die Nacht zu verbringen hat sich schon für viele als tödlich erwiesen. Doch als ihn dort geisterhafte Erscheinungen plagen, flieht er nicht, sondern fordert sie heraus.

„Über ein Weilchen ward auch der Tote warm und fing an sich zu regen. Da sprach der Junge: ‚Siehst du, Vetterchen, hätt ich dich nicht gewärmt!‘ Der Tote aber hub an und rief: ‚Jetzt will ich dich erwürgen.'“

Doch der junge Mann lässt sich nicht verschrecken und überlistet den Geist durch einen Trick. Dieser muss sich geschlagen geben und offenbart das Geheimnis, das ihn in der Welt der Lebenden gehalten hat: Er hat im Keller einen Schatz verborgen, den er unrechtmäßig angehäuft hatte. Nachdem dieses Geheimnis aufgedeckt ist, kann er in Frieden ruhen.

„Der Alte führte ihn wieder ins Schloss zurück und zeigte ihm in einem Keller drei Kasten voll Gold. „Davon,“ sprach er, ‚ist ein Teil den Armen, der andere dem König, der dritte dein.‘ Indem schlug es zwölfe, und der Geist verschwand.“

Woran viele seiner Vorgänger gescheitert sind, löst der Held, indem er einer höheren Gerechtigkeit Ausdruck verleiht und das Gold endlich gerecht verteilt. Diese unerledigte Aufgabe hielt den Geist zwischen den Welten fest. Der junge Abenteurer hat dem umherspukenden Alten Frieden verschafft und ihn somit erlöst. Dieses Motiv von einem Verstorbenen, der eine Aufgabe zurücklässt, ist im Horrorgenre in vielen Variationen sehr beliebt. Die Lösung der Aufgabe, die noch weit über den Tod hinaus wirkt, könnte man auch auf den christlichen Erlösergedanken zurückführen.

Man sieht also, dass Horror in der Literatur durchaus eine tiefere Symbolik besitzt und nicht als bloße Gruselei abgetan werden sollte.

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