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Harry Potter and the Cursed Child – Midnight Launch

Nach langer Zeit melde ich mich wieder mit einem neuen Beitrag zurück. Und was anderes könnte mich aus der Versenkung gelockt haben als – richtig: das Skript des neuen Harry-Potter-Theaterstücks Harry Potter and the Cursed Child.

Da ich das Glück habe, gerade in London zu sein, habe ich die Gelegenheit genutzt und mich (natürlich verkleidet) am Samstagabend auf zum Midnight Launch des neuen Buches bei Waterstones gemacht! Was soll ich sagen … es war einfach fantastisch, ein solches Gemeinschaftsgefühl erlebt man sogar unter Buchfans nicht oft! Nach einem nervenaufreibenden Quidditch-Match und einem nicht weniger spannenden Quiz nebst Abstecher in den Honigtopf war es dann soweit und ich hielt endlich das Buch in Händen!

Nachdem ich es gestern zu Ende gelesen habe, musste ich erst einmal meine Gedanken ordnen. So viel Unerwartetes, Altbekanntes, Merkwürdiges und Herzerwärmendes … doch mittlerweile sind viele Eindrücke etwas in den Hintergrund getreten und meine Einschätzung etwas klarer, ich fühle mich also bereit, meine Theorien zum Cursed Child mit euch zu teilen.

Wer das Stück beziehungsweise das Buch noch nicht kennt, sollte hier aufhören zu lesen, denn natürlich sind im weiteren Text sehr, sehr viele Spoiler enthalten.

Die Bücher, die am Midnight-Launch ausgegeben wurden, haben sogar einen Beweis-Stempel
Die Bücher, die am Midnight-Launch ausgegeben wurden, haben sogar einen Beweis-Stempel

Ich will hier nicht die ganze Geschichte von The Cursed Child wiedergeben (davon gibt es auf Englisch bereits eine wunderbare Zusammenfassung), sondern meine Eindrücke und Kritikpunkte zu einer Theorie verbinden, die euch hoffentlich Stoff zum Nachdenken gibt.

Das Skript ist kein bisschen so, wie man es sich vorgestellt hätte. Es hat Witz, Charme und Magie, aber es liest sich weniger wie eine originale Harry-Potter-Geschichte, sondern als hätten Rowling (und nicht zu vergessen die Co-Autoren Tiffany und Thorne) eine eigene Fanfiction verfasst.

Und das ist nichts Schlechtes – denn es dient einem Zweck. Was mich zu meiner These führt:

Diese achte Geschichte, die zwei Jahrzehnte später spielt, ist von Rowling gar nicht als Kanon gedacht.

Immer wieder in dieser neuen Geschichte scheint die Frage durch: Ist dies wirklich die einzige Timeline? Ist diese Geschichte überhaupt Kanon? Der entscheidende Hinweis darauf, das dem nicht zwingend so ist, sind die Zeitreisen: Sie sind voller wirrer chronologischer Dissonanzen und Sprünge, die die ursprünglichen Harry-Potter-Bände zu Recht vermieden haben. Diese Zeitreisen bilden die Grundlage des Plots, sind aber so unmotiviert in die Geschichte eingebunden, dass sie bestenfalls etwas unrealistisch wirken.

Schlage Midnight Release
Das war die Schlange kurz vor Mitternacht, die sich über drei Stockwerke erstreckte (hier im Bild der zweite Stock)

Denn in den ursprünglichen sieben Büchern funktionieren Zeitreisen noch völlig anders. Anstatt wie im Cursed Child völlig neue alternative Realitäten zu erschließen, bleiben die Zeitreisenden Harry und Hermine innerhalb einer einzigen Timeline. Denn alles, was sie in der Vergangenheit geändert haben, ist zwingend in ihrer Zukunft bereits geschehen: Sie hören zwar die Axt niederprallen, doch Seidenschnabel wurde nicht getötet, da die beiden bereits eingegriffen haben! (Nur war ihnen das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.)

Wenn das bereits verwirrend klingt, ist es doch noch nichts gegen die alternativen Welten, die sich öffnen, nachdem die Cursed Child-Protagonisten Scorpius und Albus durch ihr Eingreifen die Gegenwart à la Butterfly Effect völlig umkrempeln. Zum ersten Mal bei Harry Potter gibt es alternative Timelines. Doch was bewirken sie? Sie zeigen eine Vergangenheit, die weitaus chaotischer ist, als man sich vorgestellt hätte, und eine fragile, durchscheinende Gegenwart.

Wer kann bei so viel Zeitreise-Chaos überhaupt noch sagen, welches die „richtige“ Gegenwart ist? Ich sehe das weniger als unwahrscheinliche Plotidee, sondern als Kommentar darauf, dass sich die Geschichte von Harry Potter bereits in so vielen Köpfen weiterentwickelt hat, dass nicht einmal J. K. Rowling eine Rolle als Wächterin der Geschichte einnehmen kann. Indem sie Fanfiction anerkennt (und damit meine ich nicht, sie in den Kanon aufzunehmen, sondern ihr zuzugestehen, dass sie eine wichtige Rolle einnimmt), zieht sie sich ein Stück weit zurück. Harry Potter ist mittlerweile ein popkulturelles Erbe geworden, eine ganze Welt, die sich genausowenig einschränken und bestimmen lässt wie die wundervolle und starke Freundschaft zwischen Albus und Scorpius.

Ich zweifle nicht daran, dass J. K. Rowling das klar ist und die Geschichten der Fans würdigt, indem sie nun sozusagen ihre eigene Fanfiction verfasst hat. Dieses „Hinzuerfinden“ wie im Falle der Zeitumkehrer und der alternativen Timelines ist eines der typischen Merkmale von Fanfiction, und die Geschichte zeigt, wie gekonnt man das umsetzen kann, auch wenn so einiges (Man denke nur an Cedric!) der Originalgeschichte widerspricht.

Rowling lässt hier das eigene gedankliche Kind los, um ihm Freiheiten zu gewähren. Nicht umsonst ist dies das zentrale Thema von Cursed Child! Welches Kind letztlich „verflucht“ ist, wird offen gelassen. Man kann sich sicher vorstellen, dass die Autorin ihr „Kind“ nicht selten herzlich verflucht hat – die Schattenseiten des Ruhmes hat sie schon in ihren Cormoran Strike-Krimis thematisiert und auch Harrys Sohn Albus leidet unter der Bekanntheit seines Vaters, von der er sich erdrückt fühlt. Die Lösung dieses Konflikt kann nicht darin liegen, Wächter für das Kind zu spielen – sie liegt im Loslassen, im Vertrauen.

Harry Potter Cursed Child Fan Theorie
Ist das Cursed Child Albus Severus, Scorpius, Delphi oder Harry selbst? Man weiß es nicht.

Für Eltern wie für Kinder ist es befreiend, den Griff zu lockern und das Kind es selbst sein zu lassen. So haben alle verschiedenen Timelines, alle Geschichten, die sich in den Köpfen der Leser entsponnen haben, ihre Berechtigung, ihren Wert und Nutzen. Dieses Werk ist nicht mehr nur einer Autorin zuzuschreiben. An der Welt von Harry Potter haben wir alle mitgewirkt – durch unsere Fantasie, unsere Wünsche, Geschichten, Vorstellungen … und uns allen gehört diese Welt mit ihren mannigfaltigen Timelines und Plottwists. Ein schöner, demokratischer Gedanke.

Nicht nur das hat mich mit dem Zeitreise-Plot versöhnt. Sondern auch das Ende und die Erkenntnis, dass es Harry nicht darum geht, die eigene Vergangenheit zu ändern. Darum kann es ihm nicht gehen, weil seine Entscheidungen, seine Opfer, sonst ihren Sinn verlieren würden. Daher hätte ein Zeitumkehrer in den früheren Romanen keinen Sinn ergeben, ja sogar die Geschichte unterminiert. Hier verhält es sich anders. Ganz im Sinne von Dumbledore wird hier gezeigt: Egal unter welchen Umständen – man hat immer eine Wahl. Selbst in den verschiedensten Szenarien scheint das Gute durch, die Freundschaft, die Liebe und die Entscheidungskraft. Das macht auch Snapes Opfer so bedeutungsvoll: Selbst in einer Welt, in der Harry tot ist und Voldemort gewonnen hat, bricht sich Lilys Erbe Bahn. Es scheint fast, als hätte Harrys Tod in Snape eine größere, reifere Selbsterkenntnis wachsen lassen: Er wird nicht mehr nur von seiner Schuld geleitet, sondern von seiner eigenen Überzeugung.

Dieser Teil der Geschichte zeigt für mich am deutlichsten, wie eng Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Cursed Child miteinander verknüpft sind. Doch genau daran leidet Harry, denn Voldemort ist zwar besiegt, aber in seinen Gedanken noch lebendig.

Dass seine Narbe wieder zu schmerzen beginnt, schreibe ich weniger Delphis Einmischung zu als einem verzögerten posttraumatischen Schock, der durch die (vermeintliche und reale) Gefahr, in der Albus sich befindet, an die Oberfläche tritt. Überhaupt ist Voldemort nicht der Feind in dieser Geschichte – und auch nicht Delphi. Denn sie ist weniger Figur als Mittel zum Zweck – was ein bisschen schade ist. Aber ihre ganze Geschichte ist ein Puzzleteil, das nicht recht zwischen die anderen passen will.

Sie ist ein Symptom einer Vergangenheit, die keiner der Akteure so recht ruhen lassen kann. Delphi selbst ist nicht das Zentrum des Konflikts, nicht mal ansatzweise. Der spielt sich nämlich zwischen Vätern und Söhnen, zwischen Freunden und alten Feinden ab.

Wie Harry es selbst sagt: der Schrecken sitzt im Kopf und Voldemort psychologisch zu überwinden, ist schwieriger, als ihn zu töten – der Zustand, an dem auch Delphi krankt. Eigentlich ist Delphi Harrys schlechtes Gewissen: Sie taucht mit Amos Diggory auf, der erste Tod, den Harry „verschuldet“ und ist der lebende Beweis von Voldemorts Unfähigkeit zu lieben. Voldemort ist auch für sie kaum mehr als eine Erinnerung, doch sie beweist, welche Macht diese haben können. Harry erfährt das am eigenen Leib, doch indem er zu Voldemort wird, nimmt er dem bösen Geist seinen Schrecken.

Freundschaft, Akzeptanz und Liebe siegen – und das ist die Essenz von Harry Potter, der Grund, warum sich auch die achte Geschichte mehr als lohnt und trotz ihrer Unzulänglichkeiten ein wahrer Schatz ist. Aber eben nicht Kanon.

Nachtrag:

Dieser Artikel bestätigt das Gefühl, das ich beim Lesen über die Freundschaft zwischen Scorpius und Albus empfunden habe (was mindestens einen weiteren Beitrag füllen würde). Ja, die Liebe siegt – aber tut sie das auch bei den beiden? Nicht nur ich hatte das Gefühl, dass die Beziehung zwischen den beiden eine sehr innige ist. Dass Scorpius dann am Ende Rose zum Ball fragt, wirkt unecht, fast gekünstelt.

Wollten die Autoren damit ausschließen, dass es romantische Gefühle zwischen den beiden Jungen gibt – und wenn ja, wieso um alles in der Welt? Der verlinkte Artikel behandelt diese Frage sehr gut und ausführlich, ich empfehle die Lektüre sehr!

 

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