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Hagen von Tronje – Rezension

Dieser Text führt zu den Anfängen meiner Bloggergeschichte, er erschien 2005 auf meiner damaligen Website. Wie man sieht, habe ich schon damals viel Fantasy gelesen und bin vor dem ein oder anderen Verriss nicht zurückgeschreckt.

Während die ursprüngliche Mär den finsteren Hagen zum Mörder degradiert, will der Autor neue Sichtweisen auf ihn eröffnen
Celsius at wikivoyage shared [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Der Roman “Hagen von Tronje” von Wolfgang Hohlbein ist eine eigene Erzählung des Nibelungenliedes, in der die zentrale Gestalt der finstere Hagen von Tronje ist. Es ist kein historisches Buch, da Hohlbein hier die Nibelungensage in einem anderen Licht betrachtet:

Während die ursprüngliche Mär den finsteren Hagen zum Mörder degradiert, der den strahlenden Helden Siegfried schmählich von hinten ersticht und somit Schande über das Geschlecht der Burgunden bringt, versucht der Autor neue Sichtweisen auf den höchst interessanten und widersprüchlichen Hagen zu eröffnen.

Denn das Nibelungenlied ist ursprünglich, wie die Ilias von Homer, eine stumme Erzählung, und man kennt wenig mehr als nur die Taten der Handelnden, von ihren Gefühlen und Beweggründen weiß man nur das Gröbste. Hohlbein hatte wohl vor, Hagen als Menschen mit allen Leidenschaften und Schwächen zu zeigen, wie zum Beispiel seine unglückliche Liebe zu Kriemhild, oder sein Neid auf Siegfried. Warum der Autor jedoch daran scheitert, eine solch fruchtbare Grundlage für einen spannungsgeladenen und lebensnahen Roman zu nutzen, ist ein Rätsel. Als Entschuldigung könnte man mangelnde schriftstellerische Qualität oder auch andere Gründe anführen; fest steht jedenfalls, dass das ganze Buch eine herbe Enttäuschung für solche Bücherfreunde ist, die Menschenkenntnis und Tiefgang erwarteten.

Eine herbe Enttäuschung für Bücherfreunde, die Tiefgang erwarten

Um nämlich einen Bezug zu einer Lektüre aufzubauen ist es nötig, dass man sich mit den Protagonisten identifizieren und ihre Handlungen verstehen kann. Doch während er zahlreiche neue Interpretationen des Nibelungenliedes zum Besten gibt,liefert Hohlbein oftmals nur unzulängliche Motive für sie und erschwert mit solchen Aktionen das Textverständnis. Die Hauptpersonen werden oberflächlich und widersprüchlich beschrieben, anstatt wirklich auf sie einzugehen. Und was macht an solchen farblosen Gesellen schon Freude?

Was das Lesevergnügen genauso schmälert, ist das Fehlen eines wirklichen Spannungsbogens. Angehoben wird dieser erst verhältnismäßig spät – und dann auch nur sehr zögernd. Die ganze Handlung entwickelt sich zähflüssig und träge, wobei sich im weiteren Verlauf des Romans überhaupt nicht mehr bei Details aufgehalten wird, was die Geschichte wie unwirklich am Leser vorbeiziehen lässt.Ein paar Recherchen, wie sogar ein Fantasy-Roman sie braucht, hätten “Hagen von Tronje” auch ganz gut getan. Immerhin spielt die Geschichte im Mittelalter und schon wenig mehr anschauliche Einzelheiten brächten dem Buch ein großes Plus. Hohlbein entzieht den Personen des Nibelungenliedes ihren mystischen Schleier, haucht ihnen aber nicht den Atem des Lebens ein, der sie zu fühlbaren Menschen gemacht hätte.

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