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Frankensteins Wurzeln

Mary Shelleys Geschichte von Viktor Frankenstein, dem Arzt, der Leben spenden wollte und ein Monster schuf, gilt vielen als Anfang der Science Fiction. Dieser Artikel wirft ein Licht auf die wissenschaftlichen Hintergründe, die für den 1818 veröffentlichten Frankenstein prägend waren.

Die Erforschung des Menschen

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es viele bahnbrechende medizinische und wissenschaftliche Entdeckungen, die die Wahrnehmung des menschlichen Körpers veränderten. Bereits 1543 hatte Andreas Vesalius mit seinem Werk De Humani Corporis Fabrica den Grundstein für die moderne Anatomie gelegt, während sein Zeitgenosse William Harvey den Blutkreislauf entdeckte. Doch erst zwei Jahrhunderte später rückten die Mechanismen des Körpers wieder verstärkt in den Blickpunkt der Wissenschaft. In den Universitäten wurden mehr Autopsien denn je durchgeführt, neue Methoden zur Konservierung von Knochen und Organen wurden entwickelt und die Brüder John und William Hunter begründeten die moderne Anatomie.
Zugleich experimentierte Andrew Crosse mit Elektrizität, nachdem zuvor der Arzt Luigi Galvani entdeckt hatte, dass Froschschenkel auf elektrische Impulse reagieren. Cross gelang eine kleine Sensation, als er behauptete, er habe bei einem seiner Experimente durch Strom lebendige Insekten erzeugt. Die Verbindung von Elektrizität und Lebensenergie schien dadurch belegt – bis sich später herausstellte, dass seine Instrumente durch Milben verunreinigt gewesen waren.

Das reale Vorbild für Frankenstein

Foto: freeimages.com
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Dennoch gilt Crosse dank dieses Versuchs als Vorbild für den literarischen Frankenstein – ein Fehlschluss, da das Manuskript bereits zwei Jahrzehnte vorher veröffentlicht worden war. Aus Mary Shelleys Aufzeichnungen geht allerdings hevor, dass es sehr wohl ein reales Vorbild für den fehgeleiteten Doktor gegeben haben mag. Es gab einen regen Austausch über naturwissenschaftliche Neuheiten in der Mittelschicht; es galt als kultiviert, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. So war auch das Experiment eines gewissen Erasmus Darwin Gegenstand eines Gesprächs von Lord Byron und Percy Shelley, dem Mary interessiert zuhörte: Der Großvater von Charles Darwin führte damals einen Versuch durch, bei dem sich das präservierte Stück eines Wurms angeblich auf einmal bewegte. Das verleitete Shelley zu der Frage, ob mit Galvinismus möglicherweise ein toter Körper wieder zum Leben erweckt werden könne. „Vielleicht könnten Körperteile künstlich zusammengesetzt, und dann mit Lebenswärme versehen werden,“ schrieb sie daraufhin.
Das grosse öffentliche Interesse an den Experimenten von Darwin und Crosse zeigt, dass die Unterscheidung zwischen dem Möglichen und dem Fantastischen in der öffentlichen Wahrnehmung schwammig geworden war – die Geschwindigkeit und Anzahl der wissenschaftlichen Entdeckungen machten viele Menschen glauben, dass es möglicherweise nur eine Frage der Zeit wäre, bis die Wissenschaft Leben erzeugen könnte. In seinem Aufsatz „Der Mensch als Bauruine“ hebt Fabio Crivellari den deutlichen Zeitbezug von Shelleys Text hervor: „[Es] ist bemerkenswert, dass Shelley ihren Text verfaßte, als in der Epoche der Industrialisierung, der Ingenieurs- und der Naturwissenschaften die Machbarkeitshorizonte neu vermessen wurden“.
Der Text zeigt sich kritisch gegenüber dem allgegenwärtigen naturwissenschaftlichen Fortschritt – das hat er gemein mit der Auffassung vieler romantischer Dichter jener Zeit. Zunächst entspringt die Erzählung der naturwissenschaftlichen Realität des 19. Jahrhunderts, doch sie wandelt sich bald zu einer düsteren Vision der Konsequenzen, die der unstillbare Wissensdurst des Menschen mit sich bringt. Shelley zeigt, wie die Wissenschaft zwar den menschlichen Organismus transparenter macht, doch im Anschluss zeigt sie auch, wie destruktiv es sein kann, wenn der Fortschritt keine ethischen Grenzen mehr erkennt. Frankensteins Hybris korrumpiert seine Ziele und sein exzessiver Wissensdrang bringt ihn schließlich zu Fall.
Tatsächlich wurde nicht nur der Mensch ausgiebig vermessen und kartographiert, der Forscherdrang schlug sich auch in Expeditionen zu fernen Flecken der Landkarte nieder – auch dieses agressive Vordringen wird in der Rahmenhandlung von Frankenstein kritisch betrachtet.
Der Mensch enthüllt das Sublime, das Numinose in der Natur – doch sobald es von menschlicher Hand rekreiert werden kann, verdrängt der Mensch den Schöpfer und die natürliche Ordnung wird aus dem Gleichgewicht gebracht. Diese Botschaft spiegelt die Auffassung vieler romantischer Denker wider, die besorgt waren, dass die Wissenschaft das Göttliche ersetzen wollte.
Tatsächlich schritt die Differenzierung zwischen Philosophie und Naturwissenschaft immer weiter voran. Um die vielfältigen Bereiche wie Astronomie und Paläonthologie unter einem Dachbegriff zu vereinen, reichte der damals gebräuchliche Begriff natural philosophy nicht mehr aus und wurde durch science ersetzt – erst damit vollzog sich auch die gedankliche Trennung von Philosophie und Naturwissenschaft, wie wir sie heute kennen. Ohne diese sprachliche Neuerung würde übrigens auch der Begriff Science Fiction nicht existieren.

Literatur

Allard, James Robert. „Medicine.“ A Handbook of Romanticism Studies. Malden: Blackwell Publishing, 2012. 376 – 389. Web. 26. Juni 2013.

Bord, Joseph. Science and Whig Manners: Science and Political Style in Britain, c. 1790 – 1850. Hampshire: Palgrave Macmillan, 2009. Print.

Gunn, James, ed. Wege zur Science Fiction: Von Gilgamesch bis Hawthorne. München: Heyne, 1998. Print.

Kelley, Theresa M. „Science“. A Handbook of Romanticism Studies. Malden: Blackwell Publishing, 2012. 357 – 373. Web. 26 June 2013.

Berhard Kleeberg, ed. „Die List der Gene: Strategeme eines neuen Menschen“. Der Mensch als Bauruine. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 2001. Print.

Mackie, Erin, ed. The Commerce of Everyday Life: Selections from the Tatler and The Spectator. New York: Bedford/St. Martin’s, 1998. Print.

Shelley, Mary. Frankenstein or the Modern Prometheus. 1831. Oxford: Oxford University Press, 1994. Print.

Yeo, Richard. „Natural Philosophy (Science).“ An Oxford Companion to the Romantic Age. Oxford: Oxford University Press, 2012. Web. 26. Juni 2013.

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