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Frankensteins Erben – Rezension

Frankensteins Erben ist ein Roman der Leidenschaften: für Kunst und Theater, für Geheimnisse und Offenbarung, für Schönheit und Zerfall.
Dem Autor Jens-Ulrich Davids gelingt ein perfekt inszeniertes Kammerspiel auf mehreren Ebenen. Für den erfolglosen Dozenten Peh steht alles auf dem Spiel, als seine Frankenstein-Aufführung plötzlich zum Politikum wird. Der Direktor der Universität verlangt ein mitreißendes Theaterstück, das Peh eine feste Stelle sichern könnte – doch wenn er versagt, steht seine Karriere vor dem Aus.
Der Druck, der auf Peh und seiner Studententruppe lastet, ist groß. Gekonnt fängt Davids den Mikrokosmos der Theatergruppe ein, deren Charaktere unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist etwa Anton, der Aufrührer, der das Monster spielt. Lichterloh brennt er für die Kunst, die seiner Meinung nach radikal sein muss, so erschütternd, dass sie das Leben überschattet.
Da ist auch die schöne Tamar, die ihr undurchsichtiges Spiel mit Peh treibt. Sie ist Versucherin und Muse, und mehr als das: eine ernstzunehmende Gegenspielerin, die ihm ihre Ansichten und Kritik mutig entgegensetzt. Doch so richtig fassbar ist sie zunächst nicht, sie entzieht sich Peh immer wieder aufs Charmanteste.

„Was also ist Kunst? Kunst konstituiert eine Parallelwelt, ist etwas ganz anderes als die Wirklichkeit, in der wir uns sonst bewegen. Sie wirft Licht in dunkle Ecken. Oder sie wirft Schatten auf allzu helle Flecken. Sie hat Geheimnisse. Und Monster.“

Es ist großartig, Peh und seinen Studenten bei der Konzeption des Stücks zu lauschen. Die Theatergruppe ist ein besonderer Ort, ein Raum außerhalb der Wirklichkeit, der in das echte Leben hineinwirkt. Fabelhafte Ideen entstehen hier ebenso wie Ausflüge ins Abseitige und Skurrile. Ob bei Wein oder bei Chips, die Lust am Diskurs, am intellektuellen Spiel, ist greifbar und weckt wehmütige Erinnerungen an die eigene Studienzeit.
Mit einer unverstellten Liebe zu Trash- und B-Movies nimmt sich die Theatergruppe sämtliche Frankenstein-Verfilmungen vor, sammelt kurioses Wissen und so entsteht quasi im Streitgespräch eine furiose Frankenstein-Fassung, ein gelungener Mix aus Low- und High Culture. Nach und nach nimmt ein Gesamtkunstwerk Gestalt an, das so divers ist wie die Gruppe selbst. Doch die wirklich interessanten Gespräche finden selten im Proberaum statt. Ob in der Kneipe nach der Probe oder mit Pehs altem Freund Ronald nachts in der Küche; der Wein fließt, die Gedanken auch.

„Die Seele ist eine Bühne, dachte Peh, und die Charaktere sind nicht immer nett zueinander.“

Doch das Stück droht an den unterschiedlichen Charakteren zu zerbrechen. Unermüdlich wird gestritten und die Spannungen in der Gruppe werden spürbar. Und so werden die drängenden Fragen fassbarer, die Frage nach der Bedeutung des Theaters, das das Leben spiegelt, oder war es doch umgekehrt? Ist die Kunst mehr als nur der Kunst verpflichtet? Peh hadert mit seinen Studenten, mit sich und seinen Dämonen und mit seiner Leidenschaft für Tamar.
Frankensteins ErbenKurz vor der Premiere ist der Konflikt ungelöst – die Kunst liegt im Widerstreit mit der Wissenschaft, Peh liegt im Widerstreit mit Anton und die Nerven liegen blank. Auf der Bühne entscheidet sich das Schicksal von Frankensteins Monster – und das von Peh.
Davids Roman ist, ebenso wie der originale Frankenstein, brandaktuell und fürchtet sich nicht vor kontroversen Themen. Wie weit darf Wissenschaft, wie weit darf Kunst gehen? Frankensteins Erben ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend und mitreißend und besticht durch seine poetische, gewandte Sprache.

 

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