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Die Seiten der Welt – Rezension

Die Seiten der Welt von Kai Meyer kommt als Fantasy-Geschichte daher, als phantastische Erzählung für Bücherliebhaber. Doch unter der Buchromantik steckt eine andere, düstere Vision, die mit unserer Welt mehr zu tun hat, als so manchem lieb sein dürfte.

Die papierne Nostalgie, die der Roman verströmt, ist die Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter der Bücher, das irgendwo zwischen Kettenbuchhandlungen, Amazon und E-Books verloren gegangen ist (und vielleicht ohnehin nie mehr als Illusion war?). Die Stilisierung der Buchhandlung als Sehnsuchtsort spricht sicher jedem Bücherliebhaber aus der Seele, lenkt hier aber nur vom Kern der Geschichte ab.

Libropolis, die Hauptstadt der Büchermagier, Bibliomanten genannt, rühmt sich ihrer reichen Bücherschätz. Doch die Leidenschaft für Bücher macht ihre Bewohner nicht zu besseren Menschen, im Gegenteil. Bücher sind nurmehr Sammlerobjekte, Kuriositäten, die zum Statussymbol stilisiert werden. Doch die Kehrseite dieser scheinbaren Idylle zeigt sich am Umgang mit den Ex-Libri, Figuren, die aus den Büchern „fallen“ und ohne Möglichkeit zur Rückkehr in der realen Welt stranden. In Libropolis werden sie in Ghettos zusammengepfercht und ausgegrenzt. Das Menschsein wird ihnen abgesprochen; sie sind Fremde aus einer anderen Welt – doch aus einer, die den Bibliomanten fast vertrauter sein müsste als ihre eigene.

Seiten der Welt Rezension Zitat

Der Zugang zu Büchern bedeutet Macht und Information

Bücher und der Zugang zu Büchern bedeuten Macht und Information, sie sind die Grundlage der Herrschaft der Bibliomanten. Das Buch wird ganz wortwörtlich als Waffe gebraucht und drohend auf andere gerichtet. Das wahrhaft Lebendige der Bücher – nämlich die lebenden, atmenden Figuren daraus, wird verfolgt und unterdrückt.

Diese Politik der Ausgrenzung entspringt dem Wunsch nach Machterhalt und sicher auch einem guten Stück Xenophobie. Besonders pervers: Die Bibliomanten bereisen durch ihre Bücher die Welten der Ex-Libri, können also jederzeit über die Buch-Innen-Räume verfügen – doch den Figuren räumen sie keinen Platz in ihrer eigenen Welt ein. Stattdessen werden sie ghettoisiert und gejagt.

Die Ex-Libri verlieren beim Übergang ihre Magie, sie stecken also naturgemäß in einer Identitätskrise. Sie haben keine Aussicht auf Rückkehr, aus ihren Büchern zu fallen, war nie ihre Absicht. Ohne eigene Magie müssen sie nun zusehen, wie andere aus ihren Ursprungsgeschichten Kräfte ziehen. Sie sind so gesehen Opfer einer Kolonialisierung der Bücher. Ihre Kultur wird „besetzt“ und sie können darauf keinen Einfluss nehmen.

Feuer wird mit Feuer bekämpft

Doch der Funke der Rebellion lässt nicht lange auf sich warten. Der Plan der Revolutionäre: Libropolis von der nichtmagischen Welt auszuschließen. Also versuchen sie ihrerseits, den Raum der Gegner zu bestimmen und einzugrenzen. Feuer wird hier mit Feuer bekämpft, während ihrerseits die Figuren in andere, geschützte Räume auszuweichen versuchen.

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Bild: seiten-der-welt.de

Doch eine Revolution fordert immer unschuldige Opfer, die alte Frage steht im Raum: Rechtfertigt der Zweck auch Mittel, die mit dem Ziel nicht in Einklang gebracht werden können? Wie kann man moralische Rechtfertigung für sich beanspruchen, wenn man bei der Überwindung von Ungerechtigkeit ebenfalls solche hervorruft?

Der erste Band der Seiten der Welt bietet keine eindeutigen Antworten – wirft aber hochaktuelle Fragen auf, die den eigentlichen Plot um die Bibliomantin Furia beinahe verblassen lassen.

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