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Der Marsianer von Andy Weir – Rezension

MacGyver auf dem Mars

Andy Weirs Roman Der Marsianer lässt sich in etwa so zusammenfassen: Ein Einzelner versucht sein Überleben in einer unwirtlichen Welt mit wissenschaftlichem Know-How zu sichern. Also eine Art MacGyver auf dem Mars.

Der Astronaut Mark Watney wurde nach einem missglückten Manöver auf dem Mars zurückgelassen, doch er kann noch auf Teile der Ausrüstung zurückgreifen. Sein Überleben wird zum technisch-logistischen Problem: Watney repariert defekte Bauteile, hält seine Wohnkuppel mitsamt der lebenswichtigen Geräte in Schuss und betreibt Ackerbau.

Der Autor beschreibt detailliert die technischen und biologischen Hintergründe, aber die eigentliche Umgebung bleibt farblos und vage. Man hat nicht das Gefühl, sich auf dem Mars zu befinden, eine ähnlich unwirtliche Gegend würde es auch tun. Die Geschichte könnte sich auch am Südpol abspielen, denn ein Sinn für die Umgebung stellt sich trotz hunderter Außeneinsätze nicht ein.

Watneys Wahrnehmung der Außenwelt ist durch und durch kausal; er reagiert dann auf sie, wenn er an der Ausführung seiner Aufgaben gehindert wird, andernfalls bleibt er ihr gegenüber gleichgültig. Der Mars scheint seinem einzigen Bewohner übrigens ebensoviel Gleichgültigkeit entgegenzubringen: Der rote Planet ist nicht feindlich, denn das hieße ja, ihm Charakterzüge zuzuschreiben. Stattdessen ist er einfach kalt und unwirtlich.

Vermutlich ist es nur einem wirklich fantasielosen Menschen möglich, über ein Jahr auf dem Mars zu verbringen, ohne die Umgebung anders als durch eine nüchterne wissenschaftliche Sicht wahrzunehmen. Die oberste Maxime des Überlebens ist hier die Funktionalität. So sind auch die Beschreibungen nicht bildhaft, sondern funktional, denn an technischen Spitzfindigkeiten mangelt es der Geschichte nicht, wohl aber an Vorstellungskraft.

Scientific Realism statt Science Fiction

Marsianer
Bild: randomhouse.de

Ich tue mich daher schwer, den Roman überhaupt als Science Fiction zu beschreiben. Zwar ist er technisch ausgeklügelt, aber das ist keineswegs bloße Fiktion. Im Gegenteil, Weirs wissenschaftliche Szenarien werden gelobt, der Astronaut Chris Hadfield nennt sie „erschreckend realistisch“. Das bedeutet aber, dass sich beim Leser nicht der Sense of Wonder einstellt, jenes Gefühl, das den Kern der Science Fiction bildet. Ich beziehe mich hier lose auf Isaac Asimov, wenn ich schreibe: Wenn sich die Vorstellung der Zukunft kaum mehr vom Status Quo unterscheidet, geht das Erstaunen des Lesers verloren – die Fantasie wird prosaisch und gewöhnlich.

Damit will ich nichts gegen Hard Science Fiction sagen. Dieses Untergenre orientiert sich stärker an Wissenschaft und technischer Plausibilität. Kathryn Cramer beschreibt Hard SF in ihrem Essay On Science and Science Fiction als „a lively and diverse literature that attempts to evoke the power and wonder of science, to articulate the sensation of discovering the true and the real. […] Reading a story like that can capture the feeling of making a major discovery.“

Bei dem Punkt „major discovery“ möchte ich ansetzen. Ohne eine solche Entdeckung kann sich kein Sense of Wonder einstellen. Denn dieser kann nur das Erstaunen angesichts des Neuen sein, ein Innehalten und Begreifen, dass zwischen der realen und der beschriebenen Welt ein Unterschied besteht – etwas, das unsere jetzigen Möglichkeiten übersteigt und eine Veränderung darstellt. Damit erst liegen die beiden Kriterien vor, die der Literaturwissenschaftler Darko Suvin als Voraussetzung für Science Fiction bestimmt: Ein Novum (1), das eine kognitive Entfremdung (2) hervorruft.

Das fehlt mir im Marsianer leider völlig. Stattdessen hat man es eher mit einer Art Scientific Realism zu tun, statt neuer Entdeckungen gibt es technische Spitzfindigkeiten, die aber kaum eine Neuheit bergen.

Der Mensch als Maschine

Zweifel und Vereinsamung durch eine derart lange Isolation werden völlig übergangen, denn die Krisen finden nur außen statt, wo zuverlässig eine technische Lösung präsentiert wird. Die einzige innere Krise, die Watney augenscheinlich durchmacht, besteht darin, dass er nur Discomusik als musikalische Unterhaltung dabeihat. Dieses (gar nicht so lächerliche) Problem verkommt zum Running Gag. Scheinbar keine Konsequenzen haben auch die langen erzwungenen Phasen der Untätigkeit, die Monotonie und die ständige Bedrohung seines Lebens. Wenn man auf einer Außenmission über Wochen in einem Marsrover ausharren muss, stellt sich sicher mehr als nur leichtes Unbehagen ein. Auch ein existenzielles Problem wie die Gewinnung von Wasser bringt Watney nicht um den Schlaf. Das erfordert eine außerordentliche Kontrolle über Körper und Geist.

Überhaupt scheint Watney ein optimistischer Alleskönner zu sein, dessen gutmütiges Naturell keine innere Erschütterung zulässt – ein langweiligerer Charakter wurde selten erdacht. Er ist mehr Roboter als Mensch, die perfekte Wahl für eine Marsmission. Die Anstrengung und das Durchhaltevermögen, das man braucht, um sich anderthalb Jahre auf dem Mars durchzuschlagen und nach einer Weile nicht lebensmüde zu werden, wird vom Autor schlicht vorausgesetzt. Watney spielt sein Programm ab wie eine gutgeölte Maschine, während er Witzchen reißt.

Eine innere Entwicklung macht er offenbar nicht durch – diese Konfliktarmut macht eine Identifikation mit ihm kaum möglich. Stattdessen bleibt er der uramerikanische Saubermann, der mit undämpfbarem Optimismus jegliche Schwierigkeiten meistert. Die Handlung verläuft nach einem Muster, das sich bis zum Ende nicht verändert:

Eine technische Komplikation tritt auf, die Watneys Leib und Leben bedroht. Er identifiziert das Problem, überlegt sich eine Lösung und führt sie erfolgreich durch. Dann taucht das nächste Problem auf und das Spiel wiederholt sich.

Dass Probleme auf dem Mars naturgemäß komplexer als andere sind, macht auch die Lösungswege interessanter, aber das war es auch schon. Das Muster bleibt gleich, wenn auch die Probleme unterschiedliche Schwierigkeitsstufen aufweisen. Dass die technischen Komplikationen interessant beschrieben und die Lösungen recht ausgefallen sind, lenkt nicht von dem eindimensionalen Protagonisten ab. Überleben bedeutet im Marsianer einfach Funktionieren nach Plan. Innere Fallstricke sind dabei nicht vorgesehen, die äußeren Probleme ersetzen gleichsam die inneren. Ist Überleben die oberste Maxime, tritt alles Innere in den Hintergrund und nur der naturwissenschaftliche Verstand ist gefragt. Es ist interessant, welches Menschenbild sich daraus ergibt – jemand, dessen innere Mechanik zuverlässig funktioniert und die sich perfekt berechnen lässt (von benötigten Vitaminen über Kalorien bis zum Schlaf). Jemand, der so fest im Diesseits verankert ist, dass er zur Fantasterei gar nicht mehr in der Lage ist. Im Rückschluss fehlt natürlich auch jedes transzendente Bestreben.

Fazit

Bei allen ausgefeilten technischen und botanischen Problemen hat Der Marsianer zu wenig menschlichen Tiefgang. Die Idee eines Einzelnen auf dem Mars böte viel mehr psychologische Möglichkeiten, die leider ungenutzt bleiben. So macht der Protagonist leider keine innere Veränderung durch, stattdessen wird ein Heroismus gezeigt, der darin besteht, sich durch nichts erschüttern zu lassen und jedes Problem mit maschinengleicher Effizienz zu lösen.

Was man statt Der Marsianer lesen könnte:

Solaris von Stanislaw Lem zeigt beispiellos die Isolation und Verfremdung, die ein Wissenschaftler auf einem fernen Planeten erfährt.

5 comments
  1. DerSinn

    Danke! Endlich jemand, der meiner Meinung ist. Genau meiner Meinung.

    Bisher erschienen alle außer mir schwer begeistert von diesem Roman. Ich fand ihn unheimlich langweilig. Mir hat unter anderem eine Art Entwicklung beim Charakter gefehlt. Das ständig gleiche Schema bot für eine solche allerdings auch wenig Raum.

    Und Solaris stattdessen zu empfehlen, ist bei mir auch gängige Praxis. Ich bin begeistert. :-D

    1. LesenistGold

      Danke für diesen schönen Kommentar, ich dachte auch, ich stünde mit meiner Meinung ziemlich allein da. Das dem nicht so ist, beruhigt mich ungemein!
      Den Film habe ich allerdings trotzdem angesehen (allein schon wegen Ridley Scott) und fand ihn etwas besser als das Buch – vor allem, weil er Watney eine gewisse Verletzlichkeit zugesteht und den Mars selbst zeigt. Der Saal hat alle paar Minuten gelacht, weil der Film als Komödie ganz gut funktioniert. Dafür hat allein schon der Soundtrack gesorgt, mit „I will survive“ am Ende.

  2. Saskia

    Das ist eine interessante Sichtweise, auch wenn ich das beim Lesen etwas anders erlebt habe.
    Was mich aber immer wieder fasziniert, wie solche Bestseller die Genre-Grenzen neu definieren. „Per Anhalter durch die Galaxis“, „Star Wars“ und so weiter alles keine Science-Fiction sagen die Kenner. Ich bin da recht pragmatisch: Spielt es im Weltraum? Wird da Technik beschrieben die es noch nicht gibt? Okay! ^^
    Was den Marisianer angeht, merkt man wo der Autor Schwerpunkte gesetzt hat. Es ist für mich ein Survival-Roman, der kurzweilig und spannend ist. Kein Schweizer Taschenmesser, das mir dann auch noch bitte höhere Erkenntnisse über das Wesen des Weltraums bietet. Nimmt man zum Beispiel den Science-Fiction Roman von Reinhard Jirgl „Nichts von euch auf Erden“ hat man nicht nur sprachliche Perfektion und intelligente Denkansätze. Sondern eben auch ein Brett von einem Roman mit dem man arbeitet, statt ihn zu verschlingen.

    1. LesenistGold

      Da hast du recht, Survival trifft es sehr gut. Wenn man aufgrund des Hypes um Buch und Film („DAS Science-Fiction-Ereignis des Jahres“) mit großen Erwartungen an das Buch herangeht, wird man eher enttäuscht, als wenn man es als eine Art wissenschaftlichen Unterhaltungsroman liest. In „Per Anhalter durch die Galaxis“ kann ich aber noch eher genretypische Beobachtungen finden, die sich dann prompt selbst auf die Schippe nehmen …
      Danke für den Tipp mit Reinhard Jirgl, das werde ich auf meine Leseliste setzen. Eigentlich mag ich ja Bücher, die mit und zwischen Genres spielen, zum Beispiel hab ich „Das Aion“, ein Jugendbuch von Michael Marrak, hier rezensiert: http://lesenistgold.de/das-aion-fantasy-trifft-auf-sci-fi/

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