Das Problem mit den HdR-Vergleichen

Herr-der-Ringe-Vergleiche sind selten gut. In den meisten Fällen dienen sie als Verkaufsargument für lasche Fantasy-Wälzer, die sich nur deshalb für den Vergleich qualifizieren, weil sie ätzend lang sind. Man könnte fast meinen, wenn eine Buchreihe nur ausführlich und komplex genug ist, ein paar Orks und spitzohrige, feingliedrige Feenwesen zu bieten hat und die Charaktere unaussprechliche Namen haben, dann ist der Vergleich mit HdR unausweichlich. Er wird fast so inflationär gebraucht wie in Deutschland Hitlervergleiche und ist meist genauso beliebig und Aufmerksamkeit heischend wie unzutreffend. Von Büchern abgesehen, die sich tatsächlich inhaltlich auf Tolkiens Welten und Wesenheiten stützen und sich offen als Hommage an den großen Wegbereiter der Fantasy verstehen, gibt es viele Fantasy-Werke, die auf die Wiederholung von Klischees statt auf Inhalte setzen.

Tolkien hier, Tolkien da … am Ende bleibt Enttäuschung.

Es wäre vermessen, anzunehmen, die meisten Fantasy-Bücher hätten den selben inhaltlichen Kern unter der Schicht aus typischen Figuren, Quests und Motiven. Wie auch bei Märchen sind verschiedene wiederkehrende Muster festzustellen, wie etwa die Reise des Helden, bestimmte magische Objekte (seien es Ringe, Schlüssel oder Schwerter) und bekannte Figurentypen. Diese Bausteine fügen sich zu einem Muster zusammen, ihnen kommt eine Funktion (oder mehrere) zu, die ihre Bedeutung erst im Zusammenhang mit den anderen Bausteinen entfalten kann. Dadurch ergeben sich viele Interpretationsmöglichkeiten und neue Ansätze.

Wie ein Autor Elemente aus Mythos, Märchen, Folklore, nationaler und lokaler Vergangenheit in seine Werke einbaut, wie er Spannung konstruiert und komplexe Welten erschafft, wie er Charakteren Leben und Liebe einhaucht – all das kann spannend und vielfältig sein und es ist bei weitem kein Grund, ihn in eine Schublade zu stecken. Der Vergleich mit einer der Master-Narrative unserer Zeit kann ihm sogar schaden, falsche Lesererwartungen wecken und den Raum für Interpretationen stark einschränken.

Ein Rat an alle Rezensenten, Blogger und Kritiker lautet also: Lasst die Qualität eines guten Werkes für sich sprechen, sagt eure ehrliche Meinung und versteckt euch nicht hinter Phrasen, die durch ständige Wiederholung alle Bedeutung verloren haben. Hebt eure HdR-Vergleiche auf und holt sie nur in besonderen Momenten hervor, als große Würdigung, nicht als Bürde oder Lüge.

2 comments

  • Es gibt aber auch Bücher wie Eragon, die auch ähnlich wie Herr der Ringe sind, vom tieferen Inhalt und der Aussage wenig mit HdR wirklich zu tun haben, aber sich lesen wie hochaufgelegte Fanfictions dazu lesen. Es ist bei Harry Potter ja inzwischen auch ähnlich „verhext“

    Dabei habe ich aber durchaus das Gefühl, dass die Autoren dabei mehr oder weniger absichtlich von dem einen oder anderen abgeschrieben haben und sich die negative Bewertung ja gerade deshalb so sehr aufdrängt… auch wenn ich diesen Büchern nicht ganz den eigenen Wert abspreche, aber viele Fantasyromane sind zumindest in der Tradition von Tolkien geschrieben, der ja überhaupt mit so etwas angefangen hat…

  • Vielen Dank. Diese wenigen Sätze sprechen mir aus der Seele. Philipp K. Dick, Isaac Asimov und Ray Bradbury haben leider das gleiche Schicksal wiederfahren. Allzu häufig drängt mir der Tolkienvergleich den Verdacht auf, dass der Rezensent das Werk eher flüchtig überflogen denn gelesen hat.

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