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Cyberpunk: Identität in der Krise

Guter Cyberpunk ist düster, zynisch und cool und hat damit nichts von der klassizistisch-futuristischen Eleganz, die Science Fiction lange beherrscht hat (man denke nur an Dune – der Wüstenplanet und seine riesigen opulenten Gewölbe und die steifen, neoviktorianischen Gewänder der Frauen).
Stephen Sheppard definiert Cyberpunk als “dark and cynical in tone, it borrows elements from Film Noir, hard-boiled Detective Fiction and postmodern deconstruction to describe the Dystopian side of an electronic society”.

Skepsis statt technophiler Zukunftsglaube

cyberpunkDie Technophilie der zwanziger und dreißiger Jahre, aus der auch die Streamline-Bewegung entstand, brachte eine Science-Fiction-Literatur hervor, die das Neue feiert und zeigt, wie der Mensch seine Umwelt immer mehr an seine Bedürfnisse anpasst. Cyberpunk ist eine direkte Reaktion auf diese Entwicklung und sie stellt einen radikalen Bruch mit ihr dar. Die Ausgangslage ist die selbe: Der Mensch formt seine Umwelt nach seinen Wünschen um. Doch Cyberpunk zieht eine ernüchternde Konsequenz aus diesem Prozess.

Evolution bedeutet einen Anpassungsvorgang, genauer gesagt ein Angepasst-Werden, denn dieser Vorgang ist keineswegs aktiv, sondern findet immer passiv statt. Die Pflanze passt sich nicht dem kargen Untergrund an, durch Selektionsprozesse wird sie angepasst, bis eine Form dominiert, die überlebensfähig ist. Wie bereits erwähnt, kehrt der Mensch diesen Prozess aktiv um (vgl. SPIEGEL Titel 38/2025) – das tut er schon lange, das ist überhaupt erst die Grundlage, auf der ein Genre wie Science Fiction entstehen konnte.

Cyberpunk treibt auf die Spitze, wie der Mensch immer technisiertere, hochkünstliche Umgebungen schafft, ganz im Sinne einer hyperkapitalistischen Gesellschaft, in der der Mensch den Anforderungen seiner Umwelt gar nicht mehr gerecht werden kann – zumindest nicht in seiner „natürlichen“ Form. Die Umwelt wird gleichsam menschenfeindlich, der Einzelne steht unter ständigem Druck zur Selbstoptimierung durch Technologie, nicht selten gesponsert von Megakonzernen, die dem Individuum die Herrschaft über den eigenen Körper entreißen. Das ist einer der zentralen Konflikte im Cyberpunk, denn der Mensch, der eine Umgebung formt, deren Ansprüchen er nicht gewachsen ist, manövriert sich durch diese selbstverschuldete Unzulänglichkeit in eine ausgewachsene Identitätskrise!

Transhumanismus als Chance

Mittlerweile hat sich Post-Cyberpunk als Genre etabliert, das dieser Identitätskrise auch Positives abgewinnen kann: zum Beispiel kann die Technisierung des Körpers auch als Sieg über die Gender-Normierung gesehen werden – weiblich und männlich werden dann als biologische Kategorien abgelöst, im Rückschluss bilden sie auch keine sozialen Kategorien mehr. Benachteiligung wegen des Geschlechts einer Person wären somit überwunden. Ob Post- oder Transhumanismus (die technische oder virtuelle Weiterentwicklung und Verbesserung des menschlichen Körpers und Geistes) tatsächlich eine Antwort auf gesellschaftliche Probleme sein kann, ist unter Philosophen und Science-Fiction-Autoren sehr umstritten.

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