Loading...

Backup von Cory Doctorow – Rezension

Ist Cyberpunk tot? Das schrille, anarchistische Genre der SF endgültig vorbei? Seit Ende der achtziger Jahre wird Cyberpunk immer wieder für tot erklärt. Die Zukunftsfantasien von William Gibson, Bruce Sterling oder Neal Stephenson würden der heutigen Entwicklung der Gesellschaft nicht mehr gerecht und seien zum Cyberfetisch verkommen.

Dass das Genre durchaus alive and kicking ist, beweist der Autor und Internetaktivist Cory Doctorow mit seinem Roman Backup.

backup2Das 2003 erschienene Buch fügt sich nahtlos in das neue Jahrtausend ein und vereint Internettrends und Popkultur mit dem Bild einer postkapitalistischen Gesellschaft, der Bitchun-Society. Reichtum bemisst sich dort nicht mehr nach Geld, sondern nach sozialer Anerkennung. Diese wird in sogenannten Woppels gemessen, die für jeden öffentlich sichtbar sind. Die durch gesellschaftliche Arbeit gewonnene Anerkennung manifestiert sich direkt als Guthaben. Ein Individuum in der Butchun-Society genießt maximale Freiheit: Um sein leibliches Wohlergehen muss sich niemand mehr sorgen, Hunger und Tod sind so gut wie abgeschafft, denn wer stirbt, kann sein Bewusstsein einfach aus einem Backup in einen neuen Klonkörper laden lassen.

Gelderwerb zum Überleben ist überflüssig geworden, soziale Anerkennung dafür ein umso höheres Gut. Sie ermöglicht Einfluss und Macht, und wenn dabei monetäre Transfers übersprungen werden, bleibt das Ergebnis doch dasselbe: das Streben nach Status und Macht.

Diese Überhöhung der Like-Kultur steigert auch die Macht von Bloggern. Als Stimmungsmacher sind sie für Unternehmen unentbehrlich geworden – das nimmt letztere allerdings in die Verantwortung. Sie müssen zumindest nach außen ein soziales Verhalten an den Tag legen, um sich öffentliche Sympathien zu sichern.

Doch die sinistren Mega-Corporations aus den Anfängen des Cyberpunk sind bei Doctorow Geschichte und das trägt der aktuellen Entwicklung Rechnung: Cybertechnologie wird dezentral und parallel entwickelt, fähige Nerds und skrupellose Unternehmer arbeiten nun Hand in Hand. Hinterhofbastler und Anzugträger unterscheiden sich kaum mehr voneinander.

Der Protagonist Julius arbeitet gegen den Zeitgeist. Ausgerechnet in Disneyworld tobt ein Krieg der Wahrnehmung: Die Technik des zwanzigsten Jahrhunderts prallt auf State-of-the-Art Neurotransfers, die die alten Attraktionen rapide zu ersetzen drohen. Julius ist alles daran gelegen, die Atmosphäre des alten Disneyworld-Spukhauses zu erhalten, das die Konkurrenz in ein virtuelles Erlebnis verwandeln will. Als Julius auf dem Höhepunkt des Konflikts erschossen wird und in einem neuen Klonkörper aufwacht, ist er sich seiner Identität nicht mehr sicher.

Doctorow verarbeitet nicht nur neue Topoi und frischt so das Genre auf, er widmet sich auch dem traditionellen Cyberpunk-Konflikt –  der Entfremdung vom eigenen Ich, die mit dem Fortschritt einhergeht. Wie immer ist sein Stil direkt, seine Beschreibungen treffend und unmittelbar. Backup ist ein faszinierender, ungewöhnlicher Science-Fiction-Roman, den man in einer Nacht verschlingen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.