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Breaking Bad und die Heilige Familie

Dieser Artikel enthält Spoiler!

Ein Drama zwischen Abendbrottisch und Chrystal-Meth-Labor

Im TV erleben wir gerade eine Renaissance von traditionellen Werten, der Besinnung auf heimisches Glück und vom Ideal der perfekten Familie. Im amerikanischen Fernsehen lief bis vor kurzem die Erfolgsserie Breaking Bad, ein Drama, das sich zwischen Abendbrottisch und Chystal-Meth-Labor zuträgt. Der Protagonist Walter White, ein unterforderter Chemielehrer, ist der normale, beständige Bürger schlechthin. Bis zu dem Tag, als er von seiner Krebserkrankung erfährt.

Dieser erste, tiefgreifende Einschnitt bedroht nicht nur ihn, sondern seine ganze Familie und hat immense Konsequenzen. Von Beginn der Serie an strebt Walter danach, seine Familie vor finanziellem und körperlichem Schaden zu schützen, denn die Kosten für die Behandlung seiner Krankheit würden die Familie in den finanziellen Ruin stürzen, wobei die Chancen auf Genesung ohnehin sehr gering sind. Wir erleben als Zuschauer diese existenzielle Bedrohung mit, die über der friedlichen Vorstadtidylle hängt wie das Schwert des Damokles.

Mit unserer Sympathie für die Familie ist der Grundstein gelegt für die Rechtfertigung aller folgenden Taten, die Walter White begeht. Um das Geld für seine Behandlung aufzubringen, beginnt er heimlich mit Hilfe von einem seiner ehemaligen Schüler die Droge Chrystal Meth herzustellen. Zwar sind wir uns objektiv darüber im Klaren, dass er eine illegale Handlung begeht. Allerdings bewegt er sich immer in dem moralischen Rahmen, den die Geschichte vorgibt: Er handelt zum Wohl seiner Familie, oder glaubt es zumindest. Das legitimiert seine Taten und erhebt gleichzeitig die Familie zum obersten Gut. Das Wertesystem, das sich daraus ergibt, ist folgendes:

Eine Handlung wird dadurch als moralisch gut wahrgenommen, dass sie der Familie nützt, z. B. in finanzieller Hinsicht. Eine Handlung wird als moralisch schlecht wahrgenommen, wenn sie seine Familie in Gefahr bringt. Somit kann es keine Handlung außerhalb dieses Wertesystems für den Protagonisten geben.

Das lässt ihn menschlicher erscheinen im Gegensatz zu vielen anderen Akteuren der Serie, die keinem erkennbaren ethischen System folgen. Seine rigide Moral akzeptieren wir in dem Moment, als uns klar wird, dass jede mögliche Entdeckung unweigerlich zum Zusammenbruch seiner Familie führen würde. Wir haben das System anerkannt und fiebern mit ihm mit, da er erfolgreich und unentdeckt bleiben muss, damit das Wohl der Familie weiterhin gewahrt bleibt.

Die Fragwürdigkeit des Systems dringt bereits zu Beginn der Serie durch, wo der Zuschauer angesichts der drohenden Entdeckung durch die Polizei zwar objektiv erkennt, dass das Risiko unverhältnismäßig groß ist: Stirbt Walter am Krebs, so leidet zwar seine Familie, kann ihn aber in gutem Andenken behalten. Stellt er weiter die Droge her und wird enttarnt, zerbricht die Familie und zugleich sein Ansehen. Dennoch bleibt er Identifikationsfigur und der Zuschauer akzeptiert für die Dauer der Ausstrahlung Walters Kodex.

Walter schwingt sich zum Familienpatriarchen auf

Doch Breaking Bad wäre nicht die differenzierte und intelligente Show, die es ist, wenn dieses System nicht immer wieder hinterfragt würde. Vom traditionellen Familienbild des liebevollen Vaters und der engagierten, strengen Mutter weicht die Serie immer weiter ab. Mit zunehmendem Erfolg Walters schwingt er sich zum Familienpatriarchen auf, entmachtet seine Frau, dringt des weiteren in das traditionell weiblich besetzte Gebiet der Kindeserziehung vor und überträgt seine in der Drogenwelt erprobten Methoden an den Essenstisch.

Diese „Emanzipation“ bleibt nicht ohne Folgen: Immer weiter weicht er, ohne es selbst zu bemerken, von seinen Werten ab und wird zu guter Letzt selbst die größte Bedrohung für seine Familie. Damit hat er das System verraten, aufgrund dessen der Zuschauer ihn überhaupt erst als Identifikationsfigur akzeptiert hat. Er ist der Beweis der Unvereinbarkeit von liebevollem Familienleben und der Western-Mentalität eines Revolverhelden, der alles über den Haufen schießt, was sich bewegt.

Sein Opfer ist der einzige verbleibende Weg.

Dieser Konflikt wird Walter zum finalen Verhängnis, das nicht in der Entdeckung besteht, sondern in der Art und Weise wie er seine Frau psychisch unterdrückt und am Ende gar mental bricht. Er verliert das einzige, was ihm moralische Legitimation und Rückhalt gab: seine Familie. Das ist auch der Grund, warum sein Opfer in der finalen Folge der einzige verbleibende Weg ist. Um zu beweisen, dass er doch noch einen Funken Menschlichkeit in sich trägt, genügt es nicht, dass er dem archaischen Gesetz der Blutsverwandtschaft folgt. Er muss den Menschen retten, der mit ihm zwar nicht verwandt ist, ihm aber so nahe wie sonst niemand mehr ist.

Nicht die Familie triumphiert, sondern die Menschlichkeit, die sich im Angesicht der nackten, bloßen Sterblichkeit und Verzweiflung wie eine zarte Pflanze ihren Weg bahnt. Eigentlich kein schlechter Gedanke zu Weihnachten: Nicht allein die heilige Familie wird gefeiert, sondern das Gute, das wir unseren Mitmenschen zukommen lassen.

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