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Breaking Bad und der verlorene Sohn

Dieser Artikel enthält Spoiler!

Jesse Pinkman, Enfant Terrible.

In „Breaking Bad und die heilige Familie“ ging es um Walter Whites zwiegespaltenes Verhältnis zu seiner Familie, das zwischen Idealisierung und Unterdrückung steht. Der folgende Text knüpft an die Darstellung der Familie in Breaking Bad an, diesmal steht das Enfant Terrible der Serie im Fokus: Jesse Pinkman.
Auf den ersten Blick scheint Jesse auf familiäre Bindungen nur wenig Wert zu legen, das Verhältnis zu seinen Eltern ist zerrüttet, seine Drogensucht hat ihn immer weiter von der Familie entfernt, die der gehobenen Mittelschicht entstammt und sich vom Drogenmilieu tunlichst distanzieren möchte – der älteste Sohn ist ein Schandfleck, ein Makel auf dem Familienstammbaum.

Jesse hat dadurch immer wieder mit seinem Selbstbild zu kämpfen: Zuweilen nimmt er an, was seine Eltern ihm vorwerfen; ein amoralischer und asozialer Drogendealer zu sein, der zum Abschaum der Gesellschaft gehört. Dieses Selbstbild gibt ihm sogar eine gewisse Sicherheit, da er keine Erwartungen an sich selbst zu stellen braucht; seine Eltern haben ihn ohnehin schon aufgegeben. Doch Jesses innerer Konflikt sitzt tiefer: wie sehr er eigentlich ein Familienmensch ist, zeigt sich zum Beispiel daran, wie er seinen kleinen Bruder in Schutz nimmt. Als dessen Jointversteck entdeckt wird und der Verdacht auf Jesse fällt, widerspricht er nicht. Er opfert er sich stattdessen.

Jesse fügt sich in die Rolle des missratenen Sohnes.

Man könnte meinen, es wäre ein leichtes Opfer, da Jesses Verhältnis zu seinen Eltern ohnehin nicht das beste ist. Doch tatsächlich gibt er das wieder aufkeimende Vertrauen seiner Eltern auf, um seinen Bruder zu schützen. Warum tut er das? Nicht nur, um seinen Bruder zu decken, sondern auch um den Eltern die Enttäuschung zu ersparen, dass auch der „Lieblingssohn“ kein kleiner Engel ist. Jesse fügt sich in die Rolle des missratenen Sohnes, von dem ohnehin nicht viel zu erwarten war.

Zudem scheint Jesse ein Problem mit Autorität zu haben, aber im Verlauf der Serie wird deutlich, dass seine Ablehnung von Autorität vor allem durch seine Eltern geprägt wurde: Sie begegnen ihm nur noch mit Misstrauen und Ablehnung. Diese Zurückweisung seiner Person hat Jesse insofern geprägt, dass er sofort eine Schutzmauer errichtet, sobald er kritisiert wird oder sich unterzuordnen hat. Seine Reaktionen darauf: Er wird bockig, versucht, die Situation ins Lächerliche zu ziehen oder flieht.

Doch kurz vor Ende der Serie erfahren wir ein ungewöhnliches Detail aus Jesses Leben, das er in einer Sitzung seiner Entzugs-Gruppe erzählt:

„Ist das alles, was du draufhast?“

Im Werkunterricht bekam er die Aufgabe, eine Holzkiste zu bauen. Nachdem er die Aufgabe hastig mehr schlecht als recht erledigt hatte, kam der Lehrer auf ihn zu und fragte: Is this the best you can do (Ist das alles, was du draufhast)? Der Lehrer nutzte seine Autorität, um Jesse herauszufordern, ihm zu signalisieren, dass er ihm mehr zutraute und ihm die Chance gab, eine besseres Ergebnis abzuliefern. Und tatsächlich: die Kiste, die er baute, war ein Meisterwerk.

Als der Gruppenleiter fragt, was er mit der Kiste gemacht hätte, gibt Jesse zwei Antworten. Eine wahre und eine falsche. Die falsche entspricht dem Idealbild, dass er von sich selbst hat: Er habe die Kiste seiner Mutter geschenkt. Das spiegelt seinen unerfüllten Wunsch nach familiärer Harmonie wieder. Die wahre Antwort zeigt die Bitterkeit, die Jesse angesichts der verlorenen Chancen in seinem Leben empfindet: Er hat die Kiste gegen Drogen eingetauscht, den Stolz, selbst etwas geschaffen zu haben gegen ein kurzes High.

Bitterkeit und Selbsthass nehmen bei Jesse zuweilen selbstzerstörerische Züge an. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, hat Jesse ein großes Bedürfnis nach menschlicher Nähe und nach Anerkennung. Walter spielt hier eine entscheidende Rolle, da er für Jesse eine Autorität darstellt, die ihm tatsächlich etwas zutraut und ihm Vertrauen entgegenbringt. Unter dieser Verantwortung blüht Jesse regelrecht auf. Das bietet für Walter die perfekte Möglichkeit, Jesse zu manipulieren, indem er ihm seine Gunst entweder zusagt oder entzieht. Diesen Entzug von Anerkennung, die Jesse nach seinem Empfinden zusteht, macht ihn verletzlich und lenkbar.
Walter und Jesse sind beide Familienmenschen. Jesse scheint zunächst überhaupt nicht in dieses Schema zu passen, aber im Lauf der Serie erleben wir Jesse in und mit verschiedenen „Ersatzfamilien“. Zunächst sind da seine engsten Freunde, Skinny Pete und Brandon, genannt „Badger“. Auf ihre Loyalität kann er sich soweit verlassen, wie das bei Meth-Usern eben möglich ist und in ihrer Runde stellt er den Anführer, genießt ihren Respekt und ihre Achtung.

Als Jane ihn verleugnet, fühlt er sich zurückgestoßen und verletzt.

Auch in seiner Beziehung zu Jane geht Jesse auf, doch diese Beziehung zeichnet sich durch eine starke destruktive Tendenz aus. Dennoch zeigt sich auch hier, dass Jesse anfänglich das Bedürfnis hatte, in einen familiären Kreis aufgenommen zu werden. Als Jane ihn vor ihrem Vater verleugnet, fühlt er sich zurückgestoßen und verletzt.

Zu guter Letzt scheint es, als habe Jesse Halt bei Andrea und ihrem Sohn Brock gefunden. Ähnlich wie Walter möchte Jesse seine „neue“ Familie beschützen, unterstützt sie finanziell und möchte sie aus seinem Geschäft so gut es geht heraushalten. Und wie Walter verliert auch Jesse seine Familie, aber während Walter seine Familie am Ende verrät, besteht Jesses Schuld nur darin, Andrea und Brock geliebt zu haben.

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