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Breaking Bad und der Kampf zwischen Mann und Frau

Dieser Artikel enthält Spoiler!

„Ich habe ein Charakterproblem.“

Skyler-Darstellerin Anna Gunn wurde von vielen Fans der Serie auf Heftigste angegriffen. In einer NY-Times Kolumne machte sie sich dann Luft: I Have a Character Issue lautet der Titel ihrer Verteidigungsrede, zu Deutsch „Ich habe ein Charakterproblem.“ Sie zeigt sich verwundert und bestürzt angesichts des Hasses, der nicht nur der Figur Skyler, sondern auch der Privatperson Anna Gunn entgegenschlägt.

In dem Artikel beschreibt sie Skyler als Beschützerin der Kinder und der heimischen Sicherheit – Skyler sei angewidert von der Drogenwelt und der damit verbundenen Gefahr. Dadurch wird sie als Gegenspielerin Walters wahrgenommen, was der Grund für die Abneigung vieler Fans sei. Als Frau mit Durchsetzungsvermögen und Konsequenz habe sie wohl zu viele männliche Attribute, um die Zuneigung der Zuschauer gewinnen zu können. Wer ihre Serien-Figur so harsch angreife, komme wohl nicht mit einer starken weiblichen Persönlichkeit zurecht.

Ein Artikel auf der Website der Süddeutschen Zeitung greift diesen Vorwurf auf und untersucht sexistische Tendenzen in der Kritik an Skyler. Die Argumente: Skyler sei deshalb so unbeliebt, weil sie sich dem Protagonisten entgegenstellt und die Moralkeule auch in Richtung Zuschauer schwingt.  Auch die Darstellung ihres Sexuallebens sei Grund für die Stigmatisierung ihres Charakters, was die immer noch vorherrschende gesellschaftliche Doppelmoral zeige.

Skyler ist eine sehr charakterstarke Frau, die es gewohnt ist, die Fäden in der Hand zu halten

 

Quelle: amctv.com

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Natürlich ist es wahr, dass Skyler eine sehr charakterstarke und entschlossene Frau ist, die es gewohnt ist, die Fäden in der Hand zu halten. Doch die Gründe, warum Skyler aneckt, sind differenzierter. In dem Artikel Breaking Bad und die heilige Familie habe ich bereits beschrieben, dass die Sympathie für Walter zum Großteil aus seiner Familienorientierung und seinem strikten Moralkodex herrührt: Er tut, was seiner Auffassung nach das Beste für seine Familie ist, und schert sich dabei nicht um gesellschaftliche Normen.

Skyler sieht die Familie aber nicht als untrennbare Symbiose, wie ihr Ehemann es tut. Sie nimmt die familiären Beziehungen viel differenzierter wahr und deshalb scheint sie oft so, als wäre ihr die Familie weniger wichtig als Walt, als würde sie ihrer Mutterrolle nicht gerecht werden. So demonstriert sie oft genug, dass sie auch ohne ihren Mann leben kann und sie bewahrt sich ihre Eigenständigkeit. Zudem scheint sie oft ihrer Pflicht als Ehefrau nicht zu genügen, da sie Walter nicht selten ihre Zuneigung entzieht und sich kühl und abweisend gibt. Ihre Gründe dafür sind zwar mehr als nachvollziehbar, aber durch ihr Verhalten fällt sie noch weiter aus dem klassischen Rollenbild. Auch ihre Affäre, die weitaus harmloser ist als Walters Affäre mit dem Drogengeschäft, verzeiht der Zuschauer nicht leicht. Sie begeht offen eine Handlung, die die Familienbande schwächt, sie distanziert sich weiter von ihrem kriminellen Mann.

Skyler ist eine gebeutelte Kämpferin.

Ihre Kinder jedoch beschützt sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, auch wenn das bedeutet, ihren eigenen Stolz zu opfern. Diese Haltung spiegelt auch das Ende der Serie wieder: Walter sieht ohne seine Familie keinen Sinn mehr im Leben, da die Familie sein (doch sehr instabiles) Selbstbild als Beschützer und Patriarch legitimierte.

Im Gegensatz dazu ist Skyler, die für ihre Kinder immens viel geopfert hat, im Innern eine starke Kämpferin. Sie hat die Kraft, zu überdauern und die Häme und Missachtung der anderen auszuhalten – anders als Walt, der bis zum Ende seine Selbsttäuschung in der Rolle des ehrbaren Versorgers aufrechtzuerhalten versucht.

Walter sieht sich als Familienpatriarchen. Doch bevor er die Transformation vom nachgiebigen Vater zum autoritären Oberhaupt durchläuft, ist Skyler die Familienmatriarchin. Sie muss seiner Logik nach erst entmachtet werden, bevor er ihre Rolle einnehmen kann. Frauen- und Männerherrschaft kann nicht gleichzeitig stattfinden, wenn eine Partie nach der alleinigen Macht strebt. Als weibliches Oberhaupt, dem nicht nur familiäre Entscheidungen obliegen, stellte Skyler also eine Gefahr für Walt als Patriarchen dar. Sie ist also nicht nur wegen ihrer moralischen Ansichten eine Antagonistin, der Konflikt zwischen beiden verläuft tiefer. Es überrascht also nicht, dass die Versöhnung zwischen ihr und Walt, nachdem sie sein Geheimnis erfahren hat, nur von kurzer Dauer ist und die Romantik von seiner Geltungssucht überlagert wird.

Sympathie für Walter wird in der Serie vorausgesetzt.

Der Hass auf Skyler führt also daher, dass der Zuschauer Walters moralischen Kodex ungefragt übernimmt und daher Skylers Handlungen unweigerlich als Bedrohung wahrnimmt. Diese Sympathie für Walter wird in der Serie aber vorausgesetzt. Den Skyler-Hassern muss man in jedem Fall ihre zu starke Identifikation mit Walter zum Vorwurf machen – dass Breaking Bad kein starres System darstellt und unglaublich vielschichtige Charaktere entwirft, entgeht ihnen wohl leider.

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